Das Spiel

„Brechendes Eisen.“
„Kreischende Stahlsägen.“
„Der Eiffelturm fällt!“
„Er fällt!!“ schreit er heraus.

Wie von einem Wunder überrascht, neigt sich sein Kopf seitwärts, die in seiner Phantasie selbst projizierten Bilder besser einzufangen. Aufgerissene Augen durchmessen die Leere der kaum wahrgenommenen Umgebung im verrauchten Zimmer.

Grell zirpend, schrill reißend, hart klopfend, dröhnen Gitarrenkaskaden, Drumwirbel und disharmonische Baßbälle im Raum seiner einsamen Großstadtträume.

Zwerchfelldonnernde Brechreize grölen die schwarzen Boxen um sich in polternder Gier, seine Trommelfelle zu zerfetzen. Am Ende eines jeden Liedes bleibt er allein zurück. Wie ein verspäteter Fahrgast, der gedankenlos die sich entfernenden Rückleuchten des verpaßten Zuges angafft, als hätte irgendwer gesagt: „Eine Reise ist wie gewissenlos saufen! Erst wenn es vorbei ist, bemerkst du die Distanz.“

Hugo bohrt mit dem Zeigefinger der linken Hand im linken Nasenloch und hüpft dabei im Takt der Musik auf einem Bein. Als wolle er den Inhalt seiner Nasenflügel dadurch geschmeidig auf den Finger fließen lassen, läßt er bei jedem Absprung vom Teppichboden den Druck in der Nase etwas nach. Im hintersten Winkel erfühlt Hugo noch ein schleimiges Kügelchen, kann es aber mit dem bereits naßgelutschten Finger nicht fassen. Also wechselt er das Werkzeug, um den sich langziehenden Popel am trockenen Ringfinger herauszuziehen.

Bei diesem Vorgang zieht sich ein wohlig-stechender Entleerungsschmerz von der Nasenwurzel bis ins Gehirn, und dieses Gefühl ist beinahe so erlösend schön, wie nach langer Wartepause endlich pinkeln zu dürfen. Man ist versucht, diesen Erlösungsschmerz so lange als möglich zu verlängern. Mit dem am Finger klebenden Objekt spielend, glotzt Hugo wie hypnotisiert auf die Lichtbalken des HiFi-Verstärkers und verfolgt ihr elektronisches Hasch-mich-Spiel mit nervösen Blicken.

Hugo ist vierundzwanzig, seine Freunde sagen „Hu“ zu ihm. Eigentlich sind es weniger seine Freunde, als die Mitglieder einer langweiligen Kirchenparkclique, die sich allabendlich trifft. Vermutlich hat Hugo überhaupt keine Freunde, und seitdem hier in der Stadt die Nazis ihr Unwesen treiben, ist beim Cliquentreffpunkt sowieso beizeiten keiner mehr anzutreffen.

Letzte Woche hatte eine andere Clique im Wohngebiet Zoff mit den Skins, von den Bullen war wieder mal weit und breit keine Spur zu sehen, und so haben die Dreckschweine einen platt gemacht, den Hugo von der Schule her kannte.

„Schöne Scheiße, die Neos pumpen reihenweise Kids um und werden dann noch von irgendwelchen Fernsehheinis vor die Kamera geschleppt. Wie in der Jugendsendung heute Abend. Meterweise dummes Geschwätz und kein Beitrag zur Sache. Die meisten trauen sich sowieso nichts zu sagen, weil sie Angst haben müssen, nach der Sendung von so einer Horde unverbesserlicher Großdeutscher aufs Maul zu kriegen.

Keiner unternimmt was, und alle schauen zu.“ Hugo nervt sich über diese Ohnmacht bis zum Verrückt-werden. „Gibt es denn niemanden, der soviel Mut zustande bringt, denen mal die Landschaft zu erklären?“ Seit in der Stadt so ziemlich jeder aus Angst vor diesen Glatzen nach zwanzig Uhr längere Wege zu Fuß meidet, wird er schon bei jedem Gedanken an diese Schwachköpfe unendlich wütend, und am liebsten würde er sich einen von denen schnappen und windelweich prügeln.

Hugo hatte noch nie Angst gehabt. Von frühester Jugend an hat er sich geschlagen. Um Mädchen, um Bier, um Freikarten für Rockkonzerte. Schlägereien gehörten für Hugo zum Aufwachsen in der Großstadt. Rückzieher gibt‘s nicht, und wenn einer der Kumpels in der Klemme ist, wird er erst so richtig rasend. Mit seinen Körpermaßen muß er sich auch nicht groß hervortun. Zwei Meter und drei, dazu fast so breit wie lang und Hände wie Schaufeln eines Bergbaubaggers ist eine deutliche Sprache für jeden, der Streit sucht.

Deshalb kriegt er auch niemals Zoff, und in der Clique stehen alle voll hinter ihm und respektieren ihn, wie er ist. Auch wenn er bei so hochgeistigen Gesprächen irgendwann nicht mehr mitkommt und sich lieber zurückzieht. Die anderen mögen ihn, weil er ein „gutmütiger Brummelbär“ ist, wie die flotte Ina immer sagt, wenn sie ihn liebevoll in die Wangen kneift. Schlägereien ja, das gehört einfach ab und an dazu. Männer haben eben auch noch eine andere Sprache, und Zoff gibt‘s in der Großstadt immer mal, vor allem unter verschiedenen Cliquen.

Nachdem der andere von Hugo so zwei, drei „Dinger auffe Mütze“ gekriegt hat, ist dann meistens auch alles schon wieder ganz friedlich, und nicht selten haben sich die vermeintlichen Gegner später als dufte Kumpels herausgestellt. Also Reibereien ja, aber das was da bei den Neos los ist, das erweckt in Hugo nichts als Abneigung und Wut. Hilflose Leute, Kinder und alte Rentner, Frauen und ängstliche Ausländerfamilien anzugreifen, das hält Hugo für verachtenswürdig.

Wenn einer unbedingt will, dann kriegt er aufs Maul. Aber vorsätzlich jemanden angreifen, und dann noch schwächere, das muß aufhören. Und so sitzt „Hu — der gutmütige Bulle“, wie ihn seine Kumpels vollständig nennen, jeden Abend in seinem Zimmer, dröhnt sich aus Wut über immer neue Schreckensaktionen der Skins mit Punk, Rock und Altbier zu und denkt nach. Er denkt nach über alle Möglichkeiten. Über Angriff und Verteidigung. über Sieg und Niederlage, und er hat auch schon einen Plan, und er hat eine Scheiß-Angst!

Wie an jedem Samstag Nachmittag, wenn ihre Mannschaft Heimspiel hat, treffen sich die Mitglieder des „Hau-rein“-Fanclubs in der Kneipe neben dem Fußballstadion, das sie für gute zwei Stunden mit ihren jugendlichen Stimmbruchbässen und ihren Schlachtliedern erzittern lassen. Meistens geht es hier ganz friedlich zu, und die Fanclubbezeichnung soll alles andere als eine Aufforderung, einem gegnerischen Fan die Buntstifte aus dem Ranzen zu hauen, sein, als vielmehr der Wunsch, bestenfalls das gegnerische Tor unter der Wucht der einschlagenden Treffer fallen zu sehen.

Hugo hat heute miese Laune, und da sollte man ihn lieber seines Weges ziehen lassen, das wissen die Kumpels genau. Also steht er ausnahmsweise etwas abseits und grübelt, statt zu brüllen. Vor einer Stunde hatte er mit ansehen müssen, wie auf dem Weg zum Stadion eine Gruppe von vielleicht acht bis neun Skins zwei Jungs verprügelte. Die Kids waren sicher nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre, nur wurde ihnen offensichtlich zum Verhängnis, daß sie in den Farben ihrer Lieblingsmannschaft gekleidet waren.

Pech, daß gerade, als sie eiligen Schrittes Richtung Stadion liefen, die Straßenbahn mit den auswärtigen Fans vorüberfuhr und hundert Meter weiter vom zum Stehen kam. Im Laufschritt waren die Nazis angerannt und schlugen mit voller Wucht auf die Bengels ein. Hugo hatte sich der Magen verdreht, aber er war ganz allein auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelaufen. Was hätte er tun sollen? Ein lauter Brüller mit seiner bulligen Stimme lenkte die Skins wenigstens von den Kindern ab. Aber dann mußte er zusehen, daß er weg kam.

Erstaunlicher Weise hatte Hugo trotz seiner gewaltigen Statur noch niemals Konditionsprobleme gehabt, und so konnte er nach einem etwa kilometerlangen Spurt die anderen abhängen. Wie es inzwischen den Kleinen ergangen war, wußte er nicht und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. In diesem Augenblick, da er so steht und grübelt, übel gelaunt, leeren Blickes aufs Spielfeld gaffend, da hat er plötzlich Angst, daß etwas ganz Schreckliches passiert.

Weniger um sich, als um die Tatsache, daß er sich angesichts derartiger Wut kaum bremsen kann und irgend etwas in ihm explodieren will. Erst ein einziges Mal in seinem Leben hatte Hugo so richtig Wut gehabt: In der achten Klasse hatte ihm einer die Freundin ausgespannt und ihn dann noch geneckt. „Fettklops“ und „Butterberg“ hatte er ihn beschimpft, da war ihm der Kragen geplatzt, und mit einem einzigen Schlag hatte ihm Hugo drei Zähne ausgeschlagen.

Vater hatte dieses Duell eine Menge Geld und Ärger gekostet, aber für den anderen hatte es Hugo nicht leid getan, heute noch nicht! Aus der oberen Hälfte des Fanblocks kommt Shakespeare auf Hugo zu, ein baumlanger Rotschopf, der seinen Spitznamen seiner Leseleidenschaft verdankt. Shakespeare ist Präsi vom Fanclub „Power“, und nach einer kleinen Rempelei bei einem Cliquenfest in einem Vorort der Stadt waren Hugo und er gute Kumpels geworden. Shakespeare macht ein recht betretenes Gesicht und steht erst einmal vor Hugo herum, ohne auch nur einen Ton zu sagen.

Unruhig trippelt er von einem Bein auf das andere, und fast scheint es so, als müsse er sich beherrschen, nicht wie ein Kind loszuweinen. Irgendwie nimmt das Hugo mit, und erwartungsvoll fragt er: "Was ist denn mit dir los, Schäki?".

Leise und ein wenig zittrig antwortet er: „Die haben doch tatsächlich einen gekillt, die Schweine. Diese Drecksäue haben doch tatsächlich einen umgebracht, und dazu noch einen Jungen von eben mal zwölf.

Der Rest geht in Blubbern und Schluchzen unter, und Hugo dreht sich erneut der Magen um. „Wann, wo?“ kann er im ersten Moment nur fragen, und die Antwort nimmt ihm fast den Verstand.

„Vor fast zwei Stunden, kurz vor der Endstelle der Straßenbahn, hab‘s gerade im Radio gehört. Milli hat eins dabei. Beschissene Nachricht‘ fügt er noch an und wendet sich frustriert zum Gehen.

Nach einem Meter ist er kopfschüttelnd im Gewühl des Fanblocks verschwunden. „Verdammte Schweine!“ hört Hugo sich sagen und erschrickt über sein Selbstgespräch. Unermeßliche Wut steigt in ihm auf, und er fühlt, wie alle Organe auf Hochtouren arbeiten. Als würde er brennen oder kotzen müssen, und in der Tat muß er erst mal kräftig durchatmen und alle Kräfte zusammennehmen, damit das Bier im Magen bleibt.

„Jetzt reicht's“, hämmert es in seinem Kopf, und er dreht sich um die eigene Achse vor Wut. Zwei Minuten später ist er schon unterwegs zum Stadionausgang, und wie gewarnt gehen dem zornschnaubenden Bullen alle Leute aus dem Weg, Hugo weiß genau, wie er vorgehen muß. Tausendmal hat er diesen Plan im Kopf durchgespielt, und seine Aufregung hat sich mit jedem Male mehr gelegt. Zu Hause angekommen, rennt er wie wild die Treppen hoch, stößt die Wohnungstür auf und greift sich die bereitgelegte Tasche. Ein fühlender Griff bestätigt ihm, daß alles vorhanden ist. Schnell verläßt er die Wohnung wieder und stürzt zu seiner Harley.

Keine zehn Minuten später steht er wieder im Fanblock und kippt einen Pappbecher Bier hinunter. „Schnulle“, der begeistertste Fan all seiner Kumpels, rempelt ihn an und rülpst: „Wo warst ‘n, hä?“ Zur Antwort hält Hugo ihm den halbleeren Bierbecher unter die Nase, was „Schnulle“ als Antwort befriedigt. In so einem vollen Stadion kommt es schon mal vor, daß man eine halbe Weltreise unternehmen muß, um eine Pfütze Bier zu kriegen.

Das ohrenbetäubende Gebrüll zum Schlußpfiff geht an Hugo vorbei wie alltäglicher Straßenlärm. Seine Augen sind seit einer halben Stunde nur auf einen Punkt gerichtet: die Ecke, in der vielleicht fünfzehn auswärtige Skinheads lümmeln. Die Menschenmassen setzen sich in Bewegung, und Hugo läßt sich herumschubsen wie ein Pingpongball. Seine Kumpels haben längst schon gemerkt, daß mit ihm was nicht stimmt. Da ist es wirklich besser, sich dünn zu machen, also sind sie schon mal vorgegangen.

Im Gewühl kommt Hugo den Glatzen immer näher und spürt, wie sich seine Wut ballt. Sein Magen zieht gerade in den Darm um. An die Jungs auf der Straße denkt er, und daran, wie diese Schweine einen davon zu Tode geprügelt haben. „Die mache ich platt, die Dreckschweine! Ich mache die ganze verdammte Bande platt!“, wuchert in ihm ein Energiefeld aus Wut und Angst, das ausreichen würde, einer mittelgroßen Armee zum Schlachtsieg zu verhelfen.

Inzwischen sind die Skins klar zu erkennen, sie müssen genauso mit der Masse laufen und werden genau in Hugos Richtung gedrückt. Nun wendet er sich ab, damit sie ihn nicht sehen, und bleibt absichtlich stehen. Zwanzig Meter hinter ihnen lenkt er wieder in den Menschenfluß ein und heftet sich wie ein Magnet an ihre Fersen. Der Abstand bleibt, und bald schon entstehen die ersten Lücken auf dem Bürgersteig.

„Die Richtung ist klar“, denkt er bei sich und geht zu seiner Maschine, nachdem er beobachtet hat, wohin der Weg der Gruppe führt. Von nun an ist alles einstudiert, kalte Berechnung und blinde Wut. „Euch mach ich platt!“ murmelt es immer nur in ihm, und als der Motor brüllt, verzieht sich sein Gesicht zu einem fiesen Grinsen. Seine Kumpels würden ihn so nicht wiedererkennen, aber das muß ihm in diesem Augenblick egal sein. Er hat noch ein Spiel zu spielen.

Unter monumentalem Dröhnen donnert seine Harley über den Fußweg. Noch zehn Meter, und schon hat Hugo sich einen ausgesucht. Der wäre so überrascht, daß er starr vor Schreck mit sich geschehen lassen würde, was kommt. Mindestens ein Bein würde ihm gebrochen, wenn die schwere Stahlmaschine unter ihn fährt und ein mächtiger Arm ihn vom Boden losreißt. Der vom Aufprall erschütterte Körper würde sich mit Leichtigkeit auf den Tank legen und dort festhalten lassen.

Nachdem dieser fixiert und sicher in Hugos Händen wäre, würde er eine Runde drehen und auf dem Rückweg die verdutzten Nazis einfach wegpusten mit seiner in der Tasche verpackten Kanone. Den Rest würde er ihnen mit den beiden Handgranaten geben, die er mitgebracht hat, und noch bevor das Schwein auf dem Tank so richtig zu Bewußtsein kommt, findet der sich in einer alten, verlassenen Fabrikhalle wieder.

Hugo würde dem einfach mal zeigen, was es eigentlich heißt, richtige Schmerzen zu haben. Bis zur Bewußtlosigkeit würde er ihn quälen und dann wieder von vorn anfangen. Ihm alle Knochen brechen und Scheiße fressen lassen, diesem Stinker. Oder vielleicht würde sich auch einer der Skins ganz abrupt umdrehen, bevor er überhaupt nahe genug war und wider Erwarten eine Muskete hervorholen.
Dann würde er Hugo die Eier wegballern oder sein Gehirn auf der Straße verteilen... Schrill ertönt die Pfeife des Schiedsrichters keine drei Meter von Hugos Ohr entfernt. Der hat sich zum Elfmeteranpfiff direkt hinters Tor gestellt, das an den Fanblock grenzt.

Im Wahn seiner brutalen Phantasien war Hugo bis an den Sperrzaun hinunter gedrängt worden. Verwirrt, als hätte er nach großer Anstrengung eine halbe Stunde gedöst, blickt er auf den Mann in Schwarz und sieht ihn lange an. „Der Schiedsrichter!“ geht es ihm durch den Kopf und erschrickt so heftig über seine Himgespinste und Rachegelüste, daß ihm der Eierbecher aus der Hand fällt.

„Wie traurig das alles ist. Was ist nur mit mir? Bin ich so ein Schwein wie die?“, schießt es ihm durch den Kopf Tiefe Enttäuschung über sich selbst macht sich in ihm breit. „Sich so gehen zu lassen!“ wirft er sich vor. „Auch wenn es nur im Kopf passiert, es ist doch da. Aber ich bin kein Killer, ich bin nicht wie die und große Tränen laufen über Hugos Gesicht.

Tränen der Erschütterung, der Wut und der Trauer. Trauer um die Jungs von der Straßenbahnhaltestelle. Was hätte er denn tun sollen? Irgendwie ist er jetzt auch froh, daß es nur Phantasien waren vorhin, und bemerkt nicht, daß eine Hand aus dem Hintergrund nach seiner am Boden abgestellten Tasche greift, in der eine schußbereite Pistole und zwei selbstgebaute Handgranaten liegen.

*Hier klicken zum Start des Erzählungsbandes -> “M.O. Und andere Geschichten aus dem 4. Reich” von Jens Thieme, 1994.
Jens Thieme

Playing hard, living loud, moving around fast, resting deep and enjoying it all.

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