thie.me | Jens Thieme views and discussions

thie.me | Jens Thieme views and discussions

thie.me | Jens Thieme views and discussions

Vorwort (von Jörg Reinhardt, Liedermacher und Schriftsteller, Berlin-Wedding)

Es hat sich nichts geändert. Immer noch pünktlich um 0.22 Uhr hält der letzte Zug auf Gleis 1. Immer noch kann man dem Ober in der Bahnhofskneipe dann einen schönen Feierabend wünschen und froh sein, wenn man eine Dose Bier im Gepäck hat. Immer noch steht um diese Zeit kein Taxi auf dem Bahnhofsvorplatz, und immer noch denkt man „Provinz!“ und versucht dabei so gelassen wie möglich auszusehen, wenn man in Richtung Ortsmitte marschiert, um in einer von drei Pensionen das bestellte Zimmer zu beziehen, wohl wissend, daß die Tür zugesperrt ist und eine übelgelaunte Pensionsinhaberin das einzige Empfangskomitee sein wird.

Auf dem Marktplatz angekommen, entscheide ich mich für eine Rast und setze mich auf den Rand des Stadtbrunnens, dessen Wasserspiel immer noch pünktlich um 22 Uhr abgestellt wird. Plötzlich taucht rechts von mir eine betrunkene Fee auf (Feen kommen sonst von vorne, nur betrunkene erscheinen, wenn man es am wenigsten erwartet, von rechts), blickt kurz auf und lallt so etwas wie: "Du hast einen Wunsch frei!", beugt sich kurz über den Brunnenrand, macht deutliche Anstalten, sich zu übergeben, überlegt sich das und torkelt, leise vor sich hin grummelnd, weiter in Richtung McDonald's.

Ich wünsche mir ein Bier, es klappt nicht. Ich wünsche mir ein Taxi, klappt auch nicht. Na ja, betrunkene Feen eben!

Ich will gerade aufstehen und weitergehen, als mein Blick auf das Rathaus fällt. Das Fenster vom Sitzungssaal ist hell erleuchtet und meine Neugier geweckt. Ich wünschte, man könnte erfahren, was es hier um diese Zeit so Wichtiges zu bereden gibt, daß man...

Ich weiß nicht, ob es "Peng!" gemacht hat, aber ich finde mich in einer Ecke des Sitzungssaals wieder. Eine illustre Gesellschaft ist in eine leidenschaftliche Diskussion verwickelt. Vor leeren Kaffeetassen sitzen unser Bürgermeister, der Apotheker, der Schuldirektor — beides langjährige Stadtratmitglieder —. der Pfarrer und ein etwas jüngerer, nervöser Mann, den ich noch nie gesehen habe.

"Es wird sich nun mal nicht vermeiden lassen, daß der Name unserer Stadt mit dem des Autors in Verbindung gebracht wird."

Enttäuschung und tiefe Besorgnis in der Stimme des Bürgermeisters. "Wir können den Schaden nicht abwenden, wir können nur versuchen, ihn so gering wie möglich zu halten", sagt der Apotheker. "Ja, aber wie?" fragt der Pfarrer mit Märtyrerblick. Der Schuldirektor, kleine Kreuzchen auf den vor ihm liegenden Schreibblock zeichnend, erwidert: "Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, meine Herren, dieses Buch wird erscheinen, und es gibt keine Handhabe, dies zu unterbinden. Außerdem gebe ich zu bedenken, daß der Autor aus der ehemaligen DDR kommt und schon seit ein paar Jahren hier ansässig ist. Böses Blut ist vorprogrammiert. Gott im Himmel, wie der in dem einen Text mit der Kirche umgegangen ist."

Der Märtyrerblick des Pfarrers scheint zu brechen. "Kann man denn nicht über den Verlag"‚ wirft der Apotheker ein. "Der Verlag sitzt wahrscheinlich auch im Osten", schnappt der Bürgermeister. "Ich meine", der Apotheker hebt die Stimme, "was sollen denn diese überzogenen Darstellungen. Ich fahre auch gerne mal nach Thailand, aber deswegen bin ich doch kein Mörder oder Kinderschänder."

"Genau", ruft der Pfarrer, "die Jungens vom 1. FC sind auch keine Verbrecher, und Frisuren gehören zur persönlichen Freiheit eines jeden einzelnen!"

"Meine Herren!" Der Bürgermeister versucht sich in Autorität. "So kommen wir nicht weiter. Ich stimme ihnen zu, daß sich die übertriebenen Darstellungen in diesem Buch ja gerade gegen uns friedliche Bürger richten. Ich stimme ihnen auch zu, daß wir unsere eigenen kommunalen Probleme haben und nicht für Aussteiger aus der ehemaligen DDR Seelsorgefunktion übernehmen können. Wir brauchen uns auch nicht über Jugoslawien zu unterhalten, denn beim letzten Fest der Freiwilligen Feuerwehr sind immerhin 567 Mark an Spenden zusammengekommen, nein, wir haben uns sicher von so einem Radikalen nichts vorwerfen zu lassen, aber"‚ des Bürgermeisters Stimme gewinnt an Nachdruck, "wir haben den inneren Frieden unserer Gemeinde zu wahren, wir dürfen uns nicht in eine Ecke drängen lassen, in die wir nicht gehören, nur weil der Autor aus dieser Stadt kommt!"

"Könnte man nicht dem Buchhändler Weber sagen, daß er", läßt der Apotheker seine Stimme ertönen, "daß er in der Auslage mehr Wert auf den — gar nicht so schlechten — Einband legt?"

"Ausgeschlossen, aber es gibt da noch eine Möglichkeit", sagt der Schuldirektor mit leicht triumphierender Stimme und blickt zu dem nervösen jungen Mann, den ich nicht kenne, "es gibt den Weg über die Presse!"

"Gott, das Tageblatt!" unterbricht der Pfarrer die beklemmende Ruhe.

"Meine Herren!" zittert die Stimme des jungen Mannes durch den Raum. "Wir haben ein Grundgesetz, in dem ist die persönliche Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit und die Pressefreiheit verankert."

"Jetzt hören Sie mir mal zu, mein Lieber", setzt der Bürgermeister mit bestimmter Kumpelhaftigkeit an, "Sie sind noch nicht so lange hier, Sie wollen weiterkommen, was könnte da hinderlicher sein...

Jch weiß nicht, ob es "Peng!" gemacht hat, aber ich sitze wieder auf dem Rand des Stadtbrunnens. Ich schrecke auf, als rechts von mir eine betrunkene Fee auftaucht (das sind die, die normalerweise von vorne kommen), kurz aufblickt und: "Entschuldigung, hat nicht so geklappt" lallt.

"Schon gut", sag‘ ich und stehe auf, um endlich in meine Pension zu kommen. Ich schaue noch einmal kurz zum Rathaus — das Licht im Sitzungssaal brennt immer noch. Beim Gehen denke ich nur: Wer immer dieser Autor auch ist, ich wünsche ihm viel Glück!

Berlin-Wedding April 1993