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Am Rande einer DPA Meldung


l7jähriger wollte echten Krieg spielen

BAD REICHENHALL (dpa). ‚Aus Langeweile“ schlug sich ein l7jähriger aus Brandenburg nach Angaben der Polizei bis nach Kroatien durch, wo er sich um Aufnahme in die Armee bewarb. Dort abgelehnt, versuchte er es — ebenfalls vergeblich — in Bosnien. Dann ging ihm das Geld aus, woraufhin er sich bei der deutschen Botschaft in Zagreb meldete. Einen dort erhaltenen Betrag investierte er jedoch nicht in die Heimfahrt sondern versuchte sich in Bosnien bei Söldnern zu verdingen. Erst als dieser Versuch gescheitert war, trieb es ihn wieder heim.

1992, irgendwo in Mitteleuropa, dort wo die Bananen-Subkultur reihenweise jämmerliche Gesellschaftstrottel in die Spur schickt, das güldene Zunftzeichen prestigeträchtiger Leistungsbolzerei nach allen Winden zu schwenken.

Dort, wo ganze Armeen funktionierender Versager ihren Dienst tun, immer noch etwas mehr von der Kacke anzuhäufen, an der eh schon jeder zweite erstickt ist.

Dort, wo sich (hätte er das nicht längst schon hinter sich) Al Capone im Größenrausch gegoldmordet und Sokrates zu Tode gesoffen oder vor den erstbesten Bus geschmissen hätte.

Dort packt plötzlich ein netter Junge von nebenan, ein Durchschnittsschüler, ein Sproß der Wohlstandsgesellschaft mit beschränkter Haltung, ein Luxuserbe mit arischen Vorfahren seine „Signal“Zahncreme, einen Jogginganzug und Proviant für drei Tage in eine „Hertie“-Tüte, um da eben mal zu gucken, wie denn das so ist — in so ‘nem Krieg.

Und keiner hat‘s gewußt.
Und keiner hat‘s gemerkt!

Ich möchte diesen Jungen an dieser Stelle „Eduard“ taufen.
„Eduard“ ist ein guter Name. In jeder Völkersprache unkompliziert aussprechbar, kurz, prägnant und deutsch. Seine Söldnerkollegen würden ohnehin schnellstmöglich dem Kürzel „Ed“ verfallen. Der Einfachheit halber. Schließlich gibt‘s ja in so einem Krieg Wichtigeres zu tun. Man ist ja nicht zum Vergnügen dort...!

Nicht?

Und Ed? Hat sich denn ein Dreikäsehoch von gerade mal siebzehn Jahren nicht verdammt noch mal um seine Pubertätspickel und seinen viel zu zeitigen Samenerguß bei den ersten heißen Spielen mit den Dorfschönen zu kümmern?

Hockt ein naiver Grünschnabel vom Lande nicht normalerweise stundenlang vorm Computerspiel und blättert heimlich unter der Bettdecke in Pornoheften?

Ist es für einen jugendlichen Leichtfuß nicht eine besondere Freude, jeden dritten Tag die Schule zu schwänzen, um in der nähergelegenen Stadt viel lieber tonnenweise fettige Hamburgers in sich hineinzustopfen und in stickigen Kneipen lauwarmes Bier aus Pappbechern hinterzukippen (wenn das die Alten wüßten)?

Nicht so bei Ed. Endlich konnte er die Schule verlassen, nachdem er halbherzig seinen Abschluß erquält hatte. Dem Vater zuliebe oder weil er irgendwie nicht den Mut hatte, alles hinzuwerfen.

Nach der Wende in Ostdeutschland, die ohnehin nichts als Frust gebracht hatte, fühlten sich die Jungs in seinem Dorf mehr denn je von der Welt vergessen. Die Alten hatten auch keine Ideen mehr, nachdem die Krawattenheinis aus dem Westen sämtliche Fabriken in der Gegend dicht gemacht hatten, und mit den spärlichen Arbeitslosengelden war so manche Familie ins soziale Abseits gestellt worden. Taschengeld bekam Eddi nun auch nicht mehr.

Im Nachbardorf hatte sich ein Familienvater unlängst den Strick genommen, weil er die Schulden nicht mehr zahlen konnte.

Irgendwann rafften sich die Jungs auf, um „denen da oben“ mal so richtig zu zeigen, wo‘s lang geht. Während deutsche Familien in den Wahnsinn getrieben wurden, schob man den Asylanten alles hinten und vorne rein.

„Nichts dagegen, aber erst, wenn es dem eigenen Volk wieder gutgeht“, hatte sich Ed immer gedacht. Nun, da sich die Lage zuspitzte und die hohen Politiker nur ihre Diätenerhöhung und den lächerlichen Regierungsumzug für ein paar Milliarden Mark Steuergelder im Kopf hatten, hieß es zu handeln.

Was würde von der Welt mehr beachtet, als ein kleiner Überfall auf ein Asylantenheim? Spontan, während einer Samstagabendsaufrunde entschlossen sich die Jungs, endlich was für die Aufmerksamkeit der Welt zu tun. Man warf ein paar Flaschen durch Fensterscheiben, hinter denen hin und wieder ein „Ajatollah“ ängstlich hervorblickte, und grölte alte Lieder, die man in Büchern vom Dachboden der Großeltern fand.

Auf die Dauer bekam es Eddi allerdings mit seinem Gewissen zu tun, und aus seiner Clique war inzwischen ein Haufen dummer Schwätzer und primitiver Randalierer geworden. Also war es wieder nichts mit der großen Revolution, die damals 1989 so lebhaft in seinen Adern pochte, als er mit seinen Kumpels nach Leipzig gereist war, um „den Kampf“ zu kämpfen.

Mehr als 300 Kilometer waren sie mit dem Zug gefahren, um dabeizusein. Das Revolutionsfieber fegte alle Ängste hinweg, und ein paar Tage lang hatte Ed wirklich geglaubt, die von ihnen losgetretene Lawine würde die ganze Welt erfassen, alles würde jetzt besser werden.

„Statt dessen haben uns die Bonzen von vorne bis hinten verarscht, das Blaue vom Himmel versprochen und Chaos statt Freiheit gebracht.“ So grübelte er vor sich hin, was er wohl aus seinem Leben machen könnte.

Seine Versuche, in der näheren Umgebung einen geeigneten Job zu finden, scheiterten an seinem nicht gerade überwältigenden Schulabschluß, und die ganze Konsumscheiße kotzte ihn sowieso schon lange an. „Warum muß man überhaupt sein ganzes Leben lang buckeln wie ein Gaul, wenn sich sowieso niemand um einen kümmert?“

Zu DDR-Zeiten war das alles noch ganz anders. Jeder hatte einen mehr oder weniger gut bezahlten Job, mit der Kohle konnte man sowieso nicht viel anfangen, aber wenigstens hatten sie immer ihren Spaß gehabt. Klar, die Freiheit und so, aber was hatten sie jetzt alle gewonnen? „Ohne Geld gibt‘s noch viel weniger Freiheit, und die Leute ziehen nur noch ‘ne Schnauze oder schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein.“ Und dieses Anbiedern an Chefs und sonstige Konsorten, um sich ein paar Vorteile zu erschleichen, das wollte Eddi schon lieber gar nicht anfangen.

Er verstand wirklich die Welt nicht mehr und sehnte sich nach fernen Ländern, nach einem Mädchen, das ihn auch ohne Porsche nimmt, nach Kumpels, mit denen man auch mal vernünftig reden konnte, und nach Leben.

Irgendwann hielt es Eddi nicht mehr aus und fand Gefallen an dem Gedanken, etwas ganz anderes zu tun. Er wollte nicht mehr länger untätig rumsitzen, es mußte was passieren, und so kam er auf die Idee, „da unten“ mal ein bißchen mitzumischen. Einfach so. Hier verstand ihn sowieso keiner.

„Da kannste verrecken“, hatte sein Vater immer wieder gebrüllt, als sie ihm den Job genommen hatten. Also packte Eddi seine drei Klamotten zusammen und boxte sich bis an die jugoslawische Grenze durch. Unterwegs hatte er viel gesehen, und seit er von zu Hause weggegangen war, waren schon vier Tage vergangen.

Eigentlich hatte er ja vorgehabt, auf der kroatischen Seite mitzumachen, aber in Österreich war er mit einem jungen Briten zusammengetroffen, der ihm glaubhaft versichert hatte, daß man bei den Serben mehr verdienen könne, wenn man sich der richtigen Gruppe anschlösse.

In Serbien angelangt, traf Ed gleich hinter der Grenze auf einen Militärkonvoi. Doch selbst auf inständiges Flehen, ihn zu ihrem Kommandanten zu bringen, reagierten die Soldaten eher mürrisch und ablehnend, manche sogar haßerfüllt. Auch andere Versuche, eine kämpfende Truppe zu finden, der er sich an- schließen konnte, mißlangen, und immer wieder schlugen ihm Argwohn und unverhohlener Haß entgegen.

So schlug er sich nach Kroatien durch und konnte auch dort keine Kämpfer finden, die ihn hätten mitkämpfen lassen. Trotzdem wollte Ed nicht wieder nach Hause zurück, wo ihm arrogante, vor Geld stinkende Krawattenwessis über den Weg laufen würden und die Leute in seinem Dorf so langsam dem endgültigen Verfall preisgegeben wurden.

Nachdem er kreuz und quer getrampt war, verschwand sogar der letzte Anflug der Angst, die er bei Antritt seines Abenteuers empfunden hatte. Ein paar ausgebrannte Häuser, defekte Militärlaster am Straßenrand und umherpilgernde Söldner aus aller Herren Länder waren alles, was er bisher gesehen hatte. „Also so schlimm kann die ganze Sache ja gar nicht sein.“ Außerdem war er ja Deutscher, na, wenn das nichts ist!

Seltsamerweise war aber von den Einheimischen kein Mensch froh über seine Anwesenheit, im Gegenteil. In dem kroatischen Dorf, wo er erst mal ein paar Tage oder Wochen bleiben wollte, nachdem sich erste Ermüdungserscheinungen ankündigten, traf er immer wieder auf unverhüllte Ablehnung durch die Bewohner.

Eines Morgens schlenderte Eddi über den alten Marktplatz. Da hielt neben ihm plötzlich ein PKW, dem vier junge Männer entstiegen. Gleich begannen sie ein Rempelei und brüllten dabei so was wie: „Faschist, go home!“ Die Situation wurde so bedrohlich, daß Eddi, mehr aus Angst. weit ausholte und einen der beiden aggressivsten Burschen mit voller Wucht ins Gesicht schlug.

Möglicherweise hatte er ihm die Nase gebrochen, aber das konnte er nur erahnen. Denn im Davonlaufen nahm er nur noch das aufgeregte Geschrei der zusammengelaufenen Passanten wahr.

In der darauffolgenden Nacht, Eddi hatte sich auf dem verlassenen Bauernhof, der ihm als Unterschlupf diente, in der Scheune verkrochen, wurde er durch lautes Poltern und barsche Rufe geweckt. Als er schlaftrunken und desorientiert auf den
Bauernhof hinausblickte, gefror ihm das Blut in den Adern.

Da standen Dutzende wutentbrannter und grölender Männer und Frauen mit Fackeln, und sie waren bis an die Zähne bewaffnet. Blinder Zorn schlug Ed entgegen. Hilflos dem bevorstehenden Sturm ausgesetzt, packte ihn Panik, zum flüchten war es zu spät. Mit weit aufgerissenen Augen sah er die erste Fackel auf sich zufliegen, während ein paar Männer in seine Richtung stürmten. Die Menge brüllte einen ihm vertrauten Satz, und als der zwanzigste und einundzwanzigste Schlag nur noch auf Eddis seelenleere Hülle niederprasselten, war weithin im kroatischen Dorf der bestialische Schlachtruf der in Rage prügelnden Männer und der beifallspendenden Menge zu vernehmen: „Ausländer raus!“