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Nachwort des Autors

Es gibt so vieles, was uns in diesen Tagen wütend macht: Jugoslawien, Somalia, Streibel, Jmhausen, der Papst, Stolpe, der Rüstungshaushalt, Modrow, die Gewalt an unseren Schulen. Honecker.

Honecker?
Ach so.

Wie wäre die Welt vor den Kopf geschlagen, würde dieser alte, senile, stalingeile Zausel seine hundertfünfzig DM-Millionen aus grauen DDR-Zeiten für den Aufbau Ost oder die unter seiner „Obhut“ vergammelten Altenheime hinblättern? In einer Zeit, da Hunderttausende in diesem Land wegen außer Kontrolle geratener Profitgier kleiner und riesiger Verbrecher in Bonn und anderen Wirtschaftsunternehmen wieder mal aus Blechnäpfen fressen, zieht der reichste Neuchilene hämisch grinsend seinen Sonnenhut ins Gesicht und läßt sich eben mal einen Geldkoffer in der blutverkrusteten Zürcher Bahnhofstraße zusammenpacken.

Dabei wäre doch gerade ihm zu wünschen gewesen, nach seinem jammervollen, gerechterweise drittklassigen Abtritt die letzten Jahre in eben einem solchen Schließfach zu verbringen, in das er seine untergebenen, mundtoten Clowns zu sperren pflegte, nachdem sie ihre Pflicht und Schuldigkeit am sozialistischen Vaterland abgeleistet hatten. Wäre das nicht eine Freude, Herr Mielke, Euch heuchlerische, aalglatte Saubande einfach in so einem Loch in Vergessenheit geraten zu lassen?

Honecker?
Nie gehört.

„Alles nicht so tragisch!“ hört man da ewig schlaftrunkene Trittbrettfahrer in wohlstandschwelgender Wonne säuseln. Klar, woanders in der Welt gibt‘s die gleichen schrägen Vögel wie bei uns, von der Stange. Während sich der deutsche Otto Normalverarsehte am laufenden Band in den eigens dafür zur Verfügung gestellten Allerwertesten treten läßt, verschachern russische KGB-Generäle im neuen Gewand und mit Hitlerfoto in der dollarschweren Brieftasche Atomsprengköpfe an die einstigen Klassenfeinde und kemspaltbares Rindfleisch zu Jahresrenten an Väterchen Frust und andere unterernährte Sklaven ewig tagender und märchenhaft ausgiebig tafelnder (nie gewählter) Volksvertreter.

Muslimische und kroatische Frauen, die täglich Dutzende Male von stinkenden und zum Erbrechen dämlichen Kriegsfanatikem auf Befehl vergewaltigt werden, stehen einer wahren Armee von jungen Mädchen und Frauen gegenüber, die für Devisen oder andere Verlockungen der „modernen Welt“ auch den Blauhelmsoldaten an den Abenden ihrer wenig nützlichen Einsatztage ihre Körper verkaufen, als trügen sie drei Kilo Leberwurst zum Wochenmarkt. Der sklerotische Wunschheilige aus Polen mit den Verdauungsstörungen, die die Analmediziner der Fachwelt vor immer neue Rätsel stellen, erklärt in einem Atemzug Steuerhinterziehung und die Benutzung von Kondomen zur Sünde, währenddessen er vor bevölkerungsexplodierten und an Immunschwäche jämmerlich krepierenden Pilgerscharen in der vierten Welt seine kathonanistischen Ergüsse predigt.

Ganz zu schweigen von der haarsträubenden Aussage, die vergewaltigten Frauen des jugoslawischen Krieges würden sich des Mordes schuldig machen für den Fall, sie würden die in ihre schutzlosen Leiber hineinonanierten Kinder nicht austragen. Angesichts derartig brachialer Ignoranz muß man sich mittlerweile allen Ernstes die Frage stellen, ob man über die senile Viel- und Fehlsprachigkeit seiner Eminenz nicht eine lebenslängliche Nachrichtensperre verhängen sollte. Nicht zuletzt müßte man sich obendrein noch bis zur Bewußtlosigkeit darüber aufregen, daß Giftgasexperten aus unserem friedlichen „Reich der Mittel“ ungeschoren an der nahöstlichen Apokalypse basteln, wohingegen jeder arbeitslose Fahrradfahrer, der ohne Beleuchtung in der Abenddämmerung von einem pflichtbewußten Jungpolizisten „gestellt“ wird, mit mindestens zehn Mark das Staatssäckel zu füllen hat.

Wobei die Statistik meint, daß wiederum von diesen heuchlerischen Charakterstümpern, die tonnenweise Giftmüll auf unseren Gewässern hin und her schippern, nicht ein einziger zur Kasse gebeten wird. Womit wir wieder vor unserer eigenen Haustür angelangt wären, und wo kehrt es sich besser, als dort, wo die Dreckstellen hinreichend bekannt sind?

Soll heißen: Vieles macht uns wütend in diesen Tagen.

Aber um die große Ohnmacht der Zivilisation zu vermeiden, kommt uns allen, mit unseren Mitteln (die unter Weltmassstab betrachtet gar märchenhafte sind) eine besondere Verantwortung zu. Die kleinen und großen Verbrecher unserer Zeit zur Richtbank zu führen, Gewalt mit offener Ablehnung (und nicht etwa mit Gegengewalt) zu begegnen, wacht Sinne und große Herzen sowohl für die Stümpereien wie auch für die gemeinschaftlichen wertvollen Taten zu investieren, das sind einige der Wege zu einer Welt, in der weniger mehr sein kann.

Die Randalierer, die Steinewerfer, die Enttäuschten der Gesellschaft, die aufsässigen Autonomen und die blutarmen Sektenverehrer haben ebenso gewaltige Gründe für ihre Entwicklung wie der Dozent in der hoffnungslos überfüllten Uni, die Sekretärin im Innenministerium, der Taxifahrer im Rotlichtviertel und der Banker, dem sein haibseidener Aufzug Tag um Tag zum Himmel stinkt. Belügen wir uns doch nicht ständig selbst und vor allem: nicht gegenseitig.

Verachtenswert ist nur, wer aus Verachtung handelt. Und selbst dem ist beizukommen. Mit einer weithin deutlichen Sichtbarkeit der Masse unserer Lichter, der ein jeder sein eigenes Licht hinzufügen kann. Insofern sollten wir endlich beginnen, unsere inneren Lichter zu Ketten zusammenzufügen. Der weise Lao Tse umschrieb das etwa so:

„Der Erwachte ist nicht bei sich,

er ist bei Allen.

Gleich zu Guten und Unguten
wirkt er ausgleichend.

Er lebt beschlossen im Vielen,
aufgetan dem Einen.

So treiben die Herzen ihm zu
wie zur nährenden Mutter.“

Zum Thema Deutschland wird dieser Tage in aller Welt viel polemisiert und vorgetragen. Konstruktiv allerdings kann nur die Tat derer sein, die an dieser Geschichte unmittelbar beteiligt sind, die sie selbst tragen. Ich persönlich halte es da mit Wolf Biermann, der während eines Konzerts gegen Ausländerfeindlichkeit und Gewalt sagte:

„Nein, wir sind nicht die Größten! Aber wir sind auch nicht die Kleinsten. Wir sind nicht größer und nicht kleiner als jeder andere Mensch auf der Welt!“