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Am Fluß

Träge, beinahe ölig fließen die Wasser des Flusses gen Horizont. Wüste Gräser und wildwucherndes Gestrüpp säumen die dunkle Brühe, in der vor Jahrzehnten einmal Kinder planschten und strickende Großmütter ihre dicken Waden kühlten. Früher war hier mehr los.

In den Sommerferien mußte man beim Spazierengehen immer wieder herumtollenden Knirpsen ausweichen, und auf dem Wasser paddelten ganze Familien in holzknarrenden Ruderbooten. Manch einer nahm sogar einen erfrischenden Schluck aus dem glasklaren Fluß, und kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, seiner Gesundheit einen schlechten Dienst zu erweisen.

Max Billger, ein rüstiger alter Mann von neunundachtzig Jahren, spaziert täglich an diesen inzwischen verwaisten, unkrautüberwucherten Ufern entlang und denkt an frühere Tage. Manchmal bleibt er gedankenversunken stehen, neigt den Kopf, als wolle er einem fernen Geräusch eine Botschaft entnehmen und setzt wenig später wieder bedächtig einen Fuß vor den anderen.

Sie sind alt geworden, der Fluß und der Mann, und sie haben Leute und Ereignisse kommen sehen, die andere nur aus dem Geschichtsunterricht kennen. Jahrzehnte verbinden sie miteinander, und manchmal scheint es, als gehörten sie auf unbestimmte Weise zueinander, der friedliche alte Mann und der unendliche, gemütliche Fluß.

Die Zeiten haben ihre Spuren hinterlassen. Mehr im Wasser als in diesem Rentner, der, sich oft einsam fühlt und den manches traurig stimmt. Sein Mitgefühl gilt dem Fluß, der alles Unheil ertragend, die Sünden der Menschen in sich aufnimmt und langsam sterbend alles mit sich fortnimmt, ohne zu klagen. Ebenso wehrlos, wie Max Billger sein ganzes Leben lang den Lauf der Dinge ertrug. Manch harter Schlag hatte ihn ereilt, manch Unrecht mußte er über sich ergehen lassen, und bei all den Ereignissen, den guten wie den schlechten, hatte dieser alte Mann zeitlebens ein Herz für seine Mitmenschen gehabt. Die „kleinen“ Leute, die Nachbarn und Kollegen, die Freunde und Bekannten schätzten seine Gelassenheit, Geduld und Toleranz. Er half in manch auswegloser Situation und machte dabei keinen Unterschied zwischen den Menschen, denen er seine Weisheit und Kraft schenkte.

Viele seiner Kollegen besuchten ihn lange nach seiner Pensionierung noch in seiner kleinen Dachwohnung, um sich Rat geben zu lassen oder einfach nur seinen Theorien über Menschlichkeit und Gleichheit zu lauschen. Sein erzählerisches Talent, seine Weitsicht und Offenheit berührten jeden seiner Gesprächspartner, und viele Leute in der Stadt sprachen über ihn, als würden sie von einem Heiligen berichten.

Sein Sohn, der vor etwa zehn Jahren an einem Krebsleiden gestorben war, hatte einmal zu ihm gesagt: „Vater, du bist ein großzügiger Mann. Denkst immer an andere zuerst und gibst ohne zu fordern. Du bist ein Vorbild für jeden Christen, warum bist du eigentlich niemals in die Kirche eingetreten?“ „Ein guter Christ muß nicht zwangsläufig einer Kirchengemeinde angehören“, hatte er damals geantwortet und dabei seine wirklichen Gründe verschwiegen, warum er die Kirche zeitlebens mied.

Schon in seiner frühen Jugend hatte sich in ihm eine gewisse Abneigung gegen die kirchlichen Institutionen entwickelt. Auf seine Fragen nach den Ungerechtigkeiten während der Inquisitionszeit, den Folterungen bei Verhören und den dunklen Machenschaften mit politischen Hintergründen in der Kirchengeschichte, hatte er nie erschöpfende Antworten erhalten. Das Gefühl, konkrete Hinterfragungen von dubiosen Zusammenhängen entweder unbefriedigt oder gar nicht beantwortet zu bekommen, verhalfen ihm nicht gerade zur Vertrauensbildung.

Später wurden gar Verbrechen unter Kirchendächern gedeckt, und als sich nach dem letzten Krieg Dutzende Nazischergen von bestechlichen Würdenträgern unter dem Zeichen des Kruzifix‘ aus Deutschland schmuggeln ließen, kam erstmals so etwas wie Wut in ihm auf. Die Käuflichkeit der DDR-Kirchenvertreter zu Zeiten des kommunistischen Regimes waren nur noch ein Beweis mehr für ihn, daß inmitten dieser kirchlichen Kreise längst nicht alles so sauber vonstatten ging, wie öffentlich immer behauptet wurde. Freilich hatten zahlreiche Christen aus allen kirchlichen Kreisen weltweit immer wieder Beachtliches geleistet. Aber hätten diese Menschen nicht auch als „Ungläubige“ ihre humanitären Ziele verfolgt? Kann nicht auch ein Bild von Menschlichkeit in die Welt getragen werden ohne angelernte oder anerzogene Rituale und Vergötterung einstmals niedergeschriebener Gedanken und Predigten gefühlvoller Menschen?

Für Max Billger gab es kein Bild von Gott, keine Zeremonien und zeitlichen Abläufe seiner Zwiesprache mit dem, was andere als „Macht“ oder Schöpfer betrachteten. Sein Glaube galt immer dem Wort der Bibel, nicht deren Vermarktung oder Darstellung durch die Kirche und irgendwelche Religionsfanatiker. Geht nicht bei allem Aufwand, sich ein vorstellbares Bild über Gott zu schaffen oder für den heutigen Sprachgebrauch kaum noch verständliche Lieder halbherzig zu singen, zu viel Zeit für wirklich Wesentliches verloren?

So trottet der alte Mann kaum hörbar und ebenso gemächlich wie der Fluß zu seinen Füßen durchs Gestrüpp und denkt an all die Erlebnisse zurück, die ihm bei seinen Mitmenschen Respekt und Freundschaft einbrachten. Mancher Zeitgenosse, der von den Wirren des Alltags, von Unrecht oder schweren Schicksalsschlägen betrübt seinen Rat gesucht hatte, kehrte gelassen und stark zu den Seinen zurück, um ehrfürchtig zu berichten: „Der Max hat mir wieder Hoffnung gemacht, der hat das Herz am rechten Fleck.“

Stolz oder Hochmut kannte er nicht, seine Bemühungen galten stets dem Augenblick, den Ängsten und Hoffnungen der anderen und ebenso der Schönheit dieser Welt, die so unermeßlich reich und so unbeschreiblich geschändet war. Wann immer ein Stück aus dieser Welt gerissen wurde, empfand er es als Schmach. Der Lauf der Dinge, die Gewalt des Schicksals machten ihn oft klein vor Traurigkeit. Aber sein Beitrag als Mensch, seinen Platz auszufüllen in Ehrfurcht vor allem Existierenden, erfüllten ihn mit Hoffnung und Kraft.

So erfuhr der alte Mann allmählich vom Gleichgewicht und von der Unantastbarkeit des Seins als etwas Gegebenes, Schützens- und Achtenswertes. Jede noch so unbedeutende Sequenz dieser weltlichen Fülle erschöpfte sich mit jedem Lebensjahr mehr in der unermeßlichen Leere wirklicher Weisheit. Denn: wo Sein wirkt, braucht es lediglich der Leere, um es wirken zu lassen!

So stellte sich dieser Mensch seinem Leben, als wäre es die Aufgabe eines jeden Menschen, sich gleich den Wassern eines Flusses treiben zu lassen. Tragend und ertragend. Spendend und hinnehmend, was ihm gilt. Nur: mit der Leidenschaft eines Menschen wirkend für den Fortbestand der Dinge.

Abendliches Grau verwandelt inzwischen die Flußufer in farblose Schattenfiecke. Der matte Glanz des ruhig dahingleitenden Wassers spiegelt die letzten dumpfen Lichter des ermattenden Himmels. Der Gang des alten Mannes verlangsamt sich. Gegen den trist-dunklen Horizont zeichnen sich schwach die Konturen eines zweiten abendlichen Spaziergängers ab. Zwei Meter vor dem noch immer nicht genau erkennbaren Fremden will der alte Mann die Richtung wechseln. Doch der andere spricht ihn an.

Wärme und unglaubliche Friedlichkeit empfindend, vernimmt er eine ruhige, männliche Stimme. Nie gekannte Weichheit liegt in den Schwingungen der Worte. Wie ein lieblicher, leiser Singsang einer meisterlichen Oboe dringt der Satz an sein Ohr:

„Bitte komm näher, mein Freund. Ich habe dich erwartet.“ Seinen Sinnen kaum trauend, bewegt sich der Alte zögernd auf den Fremden zu. Dieser macht gleichsam einen bedächtigen Schritt auf ihn zu, und einen Augenblick lang sehen sich die beiden Männer mit gespannter Neugier in die Augen. Von unsäglicher Überraschung beim Anblick des anderen gepackt, findet der Alte zunächst keine Worte.

Da legt ihm der Fremde, der lediglich mit einem leichten Gewand bekleidet ist, die Hand auf die Schulter und spricht im gleichen sanften Tonfall zu ihm: „Da ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir hernachmals folgen.“

Der Alte senkt wie beschämt den Kopf und zittert unter erschütterten Tränen. Nach Sekunden der Stille blickt er dem anderen von unten her mit wäßrigen Augen ins Gesicht und wispert, noch immer unter Zittern: „So sprachst du einstmals zu mir, aber ich habe dich dreimal verleugnet, Herr, wie du es weissagtest.“

Leicht, kaum spürbar schüttelt der Fremde den Kopf, rückt noch ein Stück näher an den Alten und nimmt ihn behutsam in seine Arme.

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“

Schluchzend und tränenüberströmt klammert sich der Greis an den Fremden, lehnt sein graues Haupt an dessen Schulter und sendet einen unendlich glücklichen Blick zum Fluß hin.

Wenig später schließt er seine Augen und hört auf zu atmen. Die leblose Hülle des alten Mannes haltend, blickt der Fremde auf den Fluß und sagt die Worte voller wärmender Liebe:

„Du tatest Gutes am Menschen und Gutes an der Welt. Du hast verkündigt, was ich dermaleinst lehrte, Petrus. Nun laß uns beim Vater sein, in alle Ewigkeit!“

Letzte Worte auf verkohkem Papier

„Höre nie auf anzufangen! — Fange nie an aufzuhören!“

Diese in goldenen Lettem geprägten und in zierlichem Rahmen gefaßten Worte hatten Udo all die Jahre hindurch begleitet. Wie die Fotografie eines geliebten Menschen stand das Bildchen mit dem Spruch auf seinem Schreibtisch. Manches Mal hatte er alles einfach hinwerfen wollen. So viel Leid, Haß und Elend, Gewalt, Brutalität, Perversion — nichts, was er nicht hautnah hatte miterleben müssen.

Sozialarbeiter in einem zivilisierten Land, ausgehendes zwanzigstes Jahrhundert, inmitten Europas. Unglaublich, wie schnell man da vom Idealisten zum abgeschotteten Paragraphenreiter werden konnte. Aus Edelmut, aus Abscheu, aus Frust oder zum Selbstschutz.

Viele von Udos Kollegen wehrten sich gegen die Vereinnahmung ihrer Gefühle durch ihre Arbeit, jeder auf seine eigene Weise. Außer Udo. Ihn riß es nach wie vor hin und her zwischen Anteilnahme, mitempfundenem Leid und Ratschlag. Sprachlos machten ihn vor allem das unvorstellbare Ausmaß an Gewalt in allen Schattierungen und die allzu schnelle Gewöhnung daran. Wieviel kann ein Mensch davon ertragen? Wie lange vermag er zu leiden unter seelischer Folter und Liebesverlust?

Diese und andere Fragen waren für Udo stets der Treibstoff zum Weitennachen, längst war aus einem anfänglichen Neunstundentag inzwischen ein Leben fast ohne freie Minuten geworden. Seine Kollegen sparten deshalb nicht mit offener Ablehnung. Man müsse trotz allem Edelmut Distanz wahren, hieß es immer.

Aber für Udo waren seine Tätigkeit und die Möglichkeit der Hilfe für Bedürftige zum Lebensinhalt geworden, dem er wie von selbst alles hintanstellte. Jeden Tag nach Arbeitsschluß zog es ihn in die Straßen, in denen er selbst seine Jugend verbracht hatte. Hier kannte man ihn. Die Alkoholiker, die Stricher, die Fixer und auch die Dealer. Ziemlich ungewöhnlich für einen Sozialarbeiter, aber Udo hatte schnell begriffen, daß er ganz allein auf sich gestellt rein gar nichts gegen die Händler und Hehler unternehmen konnte.

Um den Kids zur Seite zu stehen, sich um ihre Probleme zu kümmern, mußte man eben auch damit leben. Und damit, daß es immer Dealer geben wird, ganz gleich wie aggressiv man gegen sie auftritt. Auf gleiche, frustrierende Voraussicht muß wohl ein Polizist eingestellt sein, wenn er den immer fortschrittlicher werdenden Verbrechensmethoden ständig nachläuft.

Im Laufe der Jahre hatte Udo einige von den Dealern kennengelernt, und so fand er immer mehr die geeigneten Mittel und Worte, den Großteil von ihnen wenigstens von den Kindern fernzuhalten. Inzwischen war die Straße für ihn ein zweites Zuhause geworden, und die Resonanz im ganzen Revier gab seinem unermüdlichen Einsatz recht. So manches Mal hatte er für seine Klienten verrammelte Tore gestürmt, war von einem Amt zum anderen gerannt, hatte sich mit Jugendämtern und Juristen angelegt.

Die Hoffnung und fortwährendes Dranbleiben gaben ihm den Mut und die Kraft, jedes Mal aufs neue eine Lanze zu brechen. Für die Verlorenen, die Vergessenen und die Nutzlosen der Gesellschaft. Dabei blieb zwar die Befriedigung allzu oft auf der Strecke, aber selbst Rückschläge verhalfen ihm zu noch mehr Engagement. „Beim nächsten Mal klappts bestimmt“, tröstete er sich immer wieder über Enttäuschungen hinweg. Udo's Freundin Yvonne konnte ein Lied von solchen Rückschlägen singen. Und von der Grausamkeit unter den Menschen, von der sie trotz ihrer etwas weiteren Distanz oft genug schwer schockiert war. Aber in erster Linie versuchte sie, ihrem Udo zu helfen, wo es nur ging. Denn auch sie war von der Richtigkeit seiner Arbeit überzeugt. Dabei kannte auch sie Udos verzweifelte Wünsche, einfach alles hinzuwerfen.

Immer wenn sich eine Phase der Erschöpfung andeutete oder die Schwere der Ereignisse beinahe zur Aufgabe zwangen, redete sie ihm Mut zu und verstand es, besonders aufmerksam auf seine gepeinigten Gefühle zu reagieren. Seiner Liebe war sie sich ganz sicher, und auch Udo konnte sich diese Art Engagement kaum ohne Yvonne vorstellen. So packte Udo viele Jahre dort an, wo andere sich scheuten einzugreifen. Er vergrub sich im Dreck der Gesellschaft wie ein Regenwurm, um Licht in das Dunkel zu bringen und sein Lebenswerk dort zu verrichten, wo Millionen andere drauftreten.

Udo wurde zum Gewährsmann für einen letzten Halt für viele Straßenkinder und Drogensüchtige. Seine Arbeit wurde gelobt, die Erfolge für seine minderbemittelten Klienten häuften sich, und so kam, was irgendwann einmal kommen mußte. Gegen die Versetzung hatte sich kaum ein geeignetes Mittel finden lassen. Das Argument. um „seine Leute“ würde sich jetzt niemand mehr kümmern, hatte niemand gelten lassen, und man hatte ihm mit Hinweis auf die Probleme in diesem Wohngebiet versichert, daß ohne seine Hilfe noch mehr Menschen in Elend leben müßten.

Noch wußte Udo nichts von diesem neuen „Projekt“, aber bei dem Gedanken, das mühsam Errichtete den Gesetzen der Straße zu opfern, geriet er in Wut. Auch wenn seine neue Aufgabe ähnliche Ziele verfolgen sollte. In einem neuen Büro, abgetrennt vom sonstigen Betrieb seiner Behörde, richtete er sich schlechten Gewissens ein. Immer wieder erschienen ihm die alten Gesichter der Straßenkinder und der Mädchen, die für ihre Sucht jeden Tag Dutzende von Männern am Autostrich befriedigen mußten oder mit kleinen Diebstählen das Drogengeld besorgten. Was würde nun aus ihnen werden? Wie lange kann es dauern, bis ein Nachfolger ihr Vertrauen gewinnen kann, wenn überhaupt? Hätte er nicht einfach die neue Stelle ablehnen sollen?

Aber sich Bedürftigen zu verweigern widersprach seinem Idealismus, und so blickte er bangen Herzens, aber nicht ohne innere Anspannung den neuen Aufgaben entgegen. Eine erste Schulung hatte nach wenigen Tagen erste Erkenntnisse gebracht. Bei dem neuen Projekt handelte es sich um „Observierungen mutmaßlicher Gewalttaten an Kindern“, wie der Kursleiter es ausdrückte. Im ersten Moment hatte Udo ein undeutliches Ablehnungsgefühl bekämpfen müssen. Am dritten Kurstag wurde er nach längeren, vorbereitenden Gesprächen einem zehnjährigen Mädchen vorgestellt, das sieben Jahre lang von ihrem eigenen Vater vergewaltigt worden war. Udo glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu können.

Ein technischer Angestellter hatte, unbeachtet von der Öffentlichkeit, sein eigenes Kind im Alter von drei Jahren sexuell mißbraucht. Sieben lange, grauenvolle Jahre hatte er sich an der kleinen Evelyn vergangen, ohne daß eine Menschenseele am Verhalten des Kindes Anstoß genommen hätte. Die Pflegeeltern des Mädchens machten auf Udo einen angestrengten und zermürbten Eindruck. Im Gespräch mit der Pflegemutter waren für ihn seelische Abgründe ersichtlich geworden, die ihm den Atem stocken ließen.

Niemals hätte er sich träumen lassen, in einen derartigen Strudel von Schmerzen und unvorstellbaren Seelenqualen gerissen werden zu können. Beim kurzen Anblick des völlig desolaten Kindes rannen ihm schließlich die Tränen in Strömen herunter. Die nachfolgenden Kurstage waren von unsäglicher Pein für Udo, und mit übergroßer Deutlichkeit zeichnete sich die absolute Notwendigkeit seiner neuen Aufgabe ab. Begleitet von Polizeiberichten, Gerichtsurteilen, medizinischen Befunden und psychiatrischen Gutachten, die er täglich in großen Mengen studierte, ging etwas in ihm den Weg durch scheußlichste Schluchten menschlicher Brutalität. Am häufigsten stellte er sich die Frage, wie derartige Verbrechen von der Ignoranz der Masse gedeckt werden könnten. Sein Feierabend beschränkte sich über Monate hinweg auf den Morgenkaffee und die schlaflosen Nächte voller Pein.

Sein Eifer gebot ihm strengste Disziplin und rückhaltlose Hingabe zur neuen Aufgabe. Yvonne hatte bereits nach zwei Wochen jede Hilfestellung für Udos schwer belastetes Gemüt aufgegeben. Sie kapitulierte vor einem destrukturierten Bündel hektischer Betriebsamkeit, wenn es um die Studien der sich auf dem Wohnzimmertisch stapelnden Aktenberge ging. Für ein liebes Wort, eine Kuschelstunde, eine ernste Aussprache oder einen besinnlichen Nachmittag war Udo überhaupt nicht mehr bereit. Seine Rechtfertigungen konnten weder moralisch noch inhaltlich angezweifelt werden, aber dieses Unbeachtetsein und Dahinvegetieren schmerzte sie unablässig.

Selbst als sie ihm einmal nachts ihre verletzten Gefühle bewußt machen wollte, schien er kaum aufnahmefähig zu sein. Die überaus brutalen Geschichten von Kindesmißhandlungen und Strafprozessen konnte sie irgendwann nicht mehr verkraften, und so beschloß sie, sich gefühlsmäßig so weit als möglich davon zu distanzieren. Andernfalls drohte ihr der Verstand zu versagen. Irgendwann würde er nicht mehr so weiter machen können. Ewig kann sich ein Mensch nicht derartig schinden. Sie müßte nur geduldig warten können, bis die ersten, schlimmen Monate vorüber wären.

Udo's erster Fall begann mit einem Paukenschlag. Auf eine Vermißtenanzeige der Schule hin wurde nach einem achtjährigen Jungen gefahndet, der eine Woche lang dem Unterricht fern geblieben war. Da die Eltern verreist und der Junge offensichtlich von seinem großen Bruder eher halbherzig betreut worden war, hatte der kleine Andreas einen Ausreißversuch unternommen. Nachdem er in einem Zug, zweihundertfünfzig Kilometer von zu Hause entfernt, von der Bahnpolizei aufgegriffen wurde, hatte er den Beamten von seinem „bösen Papa“ erzählt. Anfangs wurden die Geschichten des Jungen nicht ernst genommen, bis eine Nachbarin beim zuständigen Polizeirevier von seltsamen Vorgängen in der elterlichen Wohnung des Jungen berichtete. Die entsprechende Meldung las Udo mit großer Aufmerksamkeit, und so begann er im Rahmen seines Auftrags zu recherchieren.

Die Eltern von Andreas hatten nach ihrer Rückkehr aus den Ferien eine polizeiliche Aussage gemacht, an der nach Udos Meinung irgend etwas nicht stimmen konnte. Die Stellungnahme der Schule las sich wie das Strafregister eines jugendlichen Kriminellen. Da war ein gerade mal achtjähriger Junge, der offensichtlich seine Umwelt tyrannisierte und sich kaum wie ein normales Kind seines Alters verhielt. Hier galt es anzusetzen.

Der Beamte, der die Aussage der Eltern protokolliert hatte, sagte zu Udo: „Also wenn Sie mich fragen, lieben die ihren Sohn nicht besonders. Der Vater war irgendwie aalglatt, und die Mutter, naja . Auch von verschiedenen Nachbarn und Bekannten hörte Udo Ähnliches. Da niemand einen Verdacht gegen seine Ermittlungen schöpfen durfte, waren umfangreiche Vorbereitungen vonnöten. Aus Gesprächen mit Lehrern und Nachbarn ergaben sich immer wieder Erkenntnisse, wen man als Informanten gewinnen konnte, ohne den Erfolg der Ermitüungen zu gefährden. Mit zunehmendem Kenntnisstand der Lebensverhältnisse und der Charaktere der Eltern, gewann Udo den Eindruck, daß dem Jungen geholfen werden müsse.

Die allgemeinen Beobachtungen führten mehr und mehr zu dem Schluß, daß seine offenen Feindseligkeiten gegen andere Kinder und sein scheinbar aggressives Wesen Ursachen haben mußten, die man wohl in den häuslichen Lebensverhältnissen zu suchen hatte. Eines Tages rief der Direktor der Schule in Udo's Büro an. Eigentlich war er ihm als gelassener und überlegener Gesprächspartner in Erinnerung. Aber mit auffälliger Verzweiflung in der Stimme bat er Udo, sofort in die Schule zu kommen, die Polizei wäre auch schon da.

Bei seiner Ankunft auf dem Schulhof bot sich ihm ein ungewohntes Bild. Dutzende von Schülern jeden Alters standen umher, einige diskutierten aufgeregt, andere wieder senkten den Kopf. Eine Anzahl Lehrer, von denen die meisten bereits mit Udo gesprochen hatten, verstummten sofort, als sie ihn bemerkten. Der Direktor, der unweit der Lehrergruppe einem Polizisten gegenüberstand, kam kopfschüttelnd und sichtlich verwirrt auf Udo zu und sagte: „Es ist etwas Schreckliches passiert. So was habe ich noch nie erlebt ‚ dabei rang er sichtlich nach Fassung.

Udo schaute ihn eindringlich an und fragte: „Andreas‘?“ „Ja. Heute morgen hat er durchgedreht. Er hat sich mit einer Schülerin seiner Klasse vor dem Unterrichtsbeginn in der Toilette eingesperrt. Er hat sie mit ihrem Kleid gefesselt, den Mund mit einem Strumpf verbunden und mit einem Feuerzeug ihre Haare in Brand gesteckt. Stellen sie sich das mal vor. Wenn durch das Poltern an der Toilettentür nicht eine Schülerin aus der Zehnten aufmerksam geworden wäre, hätte er sie vermutlich umgebracht.“

Udo stand da wie vom Blitz getroffen. Wie konnte ein Junge in der zweiten Klasse auf so eine schreckliche Idee kommen? „Ist sie verletzt?“ „Gott sei Dank nicht. Ihre Fußtritte gegen die Tür wurden gerade noch rechtzeitig bemerkt.“ „Wo ist er jetzt?“ fragte er kleinlaut. „Im Direktorzimmer. Zwei Polizeibeamte sind bei ihm.“

„Und die Eltern?“ Der Direktor verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Sind wieder mal im Urlaub“ „Das gibt‘s doch nicht“, hörte Udo sich sagen und nahm Kurs auf das Schulgebäude. Das folgende Gespräch mit dem Jungen, übrigens der erste direkte Kontakt mit Andreas, kam ihm vor wie ein Alptraum. Da saß ein kleiner Junge voller Haß vor ihm, der einem ebenso kleinen Mädchen wahrscheinlich einen Schock fürs ganze Leben versetzt hatte, und blickte stur auf den Boden, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sämtliche Bemühungen, den Jungen zum Sprechen zu bewegen, schlugen fehl. Die Eltern des Mädchens waren zutiefst schockiert und mußten von Andreas fern gehalten werden.

Nachdem der Junge auf Udo's anraten in ein Kinderheim gebracht wurde, weil zu Hause keine Menschenseele anzutreffen war, fuhr er zurück ins Büro, um die entsprechenden Formalitäten abzuklären und nach Möglichkeiten für sein weiteres Vorgehen zu suchen. Stundenlang saß er dort vor seinem Schreibtisch, starrte den kleinen Bilderrahmen mit dem Spruch an, der ihm so oft Kraft verliehen hatte, und weinte wie ein Kind. Am nächsten Vormittag wurde er von einem Streifenwagen vom Büro abgeholt. Der zuständige Staatsanwalt hatte in der Nacht aufgrund der Aussagen des Jungen, der irgendwann doch geredet hatte, einer Haussuchung zugestimmt.

Auf den ersten Blick fanden die Beamten eine gemütliche und normal eingerichtete Wohnung vor. Andreas‘ Kinderzimmer unterschied sich nicht wesentlich von denen anderer Kinder seines Alters. Ein erster Fund im Schreibtisch der Eltern machte Udo aufmerksam. Da lag ein Porno-Kontaktheft, aufgeschlagen und mit einem Foto der Mutter, die er wiederum auch nur von Fotos her kannte. In eindeutiger Pose, nackt, mit einem Penis im Mund (mehr war von dem beteiligten Mann nicht zu sehen), untertitelt mit den Worten: „Blasgeile, samendurstige Ficksau schluckt alles! Kennenlernfotos für DM 20.“ und so weiter. „Bingo!“ rief ein Polizist aus dem Schlafzimmer, und als Udo zusammen mit den anderen Beamten in das Zimmer trat, hielt einer der Uniformierten einen Stapel Fotos in der Hand.

Darauf waren Dutzende fremder Männer beim Geschlechtsverkehr mit Andreas‘ Mutter zu sehen. Auf einigen Bildern sah man den kleinen Jungen. Meistens beim oralen Verkehr mit wildfremden Männern und Frauen oder auf dem Rücken liegend, mit gespreizten Beinen, während verschiedene Männer anal in ihn eindrangen. Das schmerzverzerrte Gesicht des Kleinen war meistens der Kamera abgewandt. Nach längerer Untersuchung der Wohnung wurden verschiedene sexuelle Hilfsapparate und allerlei undefinierbare Gerätschaften gefunden.

Udo wurde es schlecht, und seine grenzenlose Wut wandelte sich in rasende Aufregung und puren Haß gegen die Ungeheuer, denen dieser kleine Junge ausgeliefert war. Taumelnd verließ er nach drei Stunden Haussuchung die Wohnung. Als er zu Hause ankam, wollte er nur noch ein heißes Bad und seine Ruhe. Yvonne lag auf dem Sofa im Wohnzimmer unter Kopfhörern. Als sie ihn hereinkommen sah, stand sie auf, legte die Kopfhörer auf den Boden und blickte ihn lange an. Da wußte sie, daß etwas Scheußliches passiert sein mußte. „Willst du drüber reden?“

„Nein. Ich will nur noch meine Ruhe. Ich bin total fertig.“ Da stellte sie sich ihm in den Weg und begann heftig zu weinen. Daß der Zeitpunkt ungünstig war, wußte sie. Aber plötzlich konnte sich nicht mehr schweigen. Mit zitternder Stimme rief sie ihm zu, während er sich zum Gehen wendete: „Und ich? Ich bin seit Monaten total fertig! Du registrierst mich nicht mal mehr. Jede Nacht liege ich wach und überlege, wie ich unsere Beziehung retten kann, und was machst du? Ziehst dich zurück und läßt mich verhungern. Udo, ich kann nicht mehr!“

Kaum wahrnehmungsfähig hörte er ihr Klagen, war aber unfähig, darauf zu reagieren. „Hör mir wenigstens einmal zu! Ich weiß, wie schwer du es hast und daß es jetzt nicht der Moment ist, aber was ist mit mir? Ich kann nicht mehr warten, keine Sekunde länger!“ Langsam stieg Wut in ihm auf. Nach diesem Tag war er außerstande, irgend etwas zu hören. Weder Yvonnes Klagen, noch sonstwas. „Udo! Ich halte das nicht mehr aus!“ „Dann geh doch!“ brüllte er sie an und warf die Badezimmertür hinter sich zu. Jetzt war ihm alles egal. Als er zur Besinnung kam, hörte er eine krachende Tür und sich schnell entfernende Schritte im Flur. Yvonne war gegangen! Weg. Kein Brief, kein letztes Wort. Aber das hatte doch er gesagt.

„0 Gott“, zischte er vor sich hin und wollte nicht begreifen, was er da angerichtet hatte. Bei allem Wahnsinn seiner Arbeit, bei all den Schmerzen, die er für andere empfunden hatte, hatte er lange Zeit Yvonnes Gefühle außer acht gelassen.

Es folgte eine Höllennacht. „Wo mag sie hingegangen sein? Wie konnte ich so ein Trottel sein?“ Diese und viele andere schmerzhaften Fragen stellte er sich immerzu und sann nach einer Lösung. Über den Tränen und Selbstvorwürfen schlief er schließlich ein. Am Morgen kam ein grausames Erwachen. In der ersten Stunde im Büro kritzelte er auf Papier herum oder weinte in sich hinein. Die schrecklichen Entdeckungen in der Wohnung der Eltern des gepeinigten Jungen rückten in den Hintergrund.

Nach dem Frühstück begann er einen wehmutsvollen Brief zu schreiben. "Diese Welt ist so voll mit unbegreiflicher Grausamkeit. In diesem Augenblick mit großen Worten um mich zu werfen, halte ich für absolut falsch. Ich habe Dich unter den Einblicken in die Welt, die ich durch meine Arbeit habe, leiden lassen. Ich schäme mich so! Wenn ich nur nicht so ein Trottel gewesen wäre, Dich so zu vernachlässigen. Das alles hast Du nicht verdient, und ich wollte, mir würden die rechten Worte einfallen, Dir zu versichern, daß ich letzte Nacht vieles erkannt habe, was ich falsch machte. Ich weiß ja nicht mal, wo Du jetzt steckst. Hoffentlich erreicht Dich dieser Brief über Deine Eltern. Ich liebe Dich so sehr, aber das habe ich wohl einige Zeit hinter meine Arbeit gestellt. Wie kann ich Dir sagen, daß ich Dich so sehr brauche? Ich mache mir größte Vorwürfe! Jetzt Schluß zu machen, muß irgendwie eine Erleichterung für Dich sein. Zu lange habe ich Deine Selbstsicherheit verletzt Alles tut mir so leid. Was kann ich tun, damit Du zu mir zurück kommst? Ach, wenn Du Dich doch melden würdest..."

Er nahm sich vor, nach der Arbeit diesen Brief bei Yvonnes Eltern einzuwerfen. Das lag gerade auf dem Heimweg und war die einzig sichere Möglichkeit, daß sie die Zeilen bekam.

Im Laufe des Tages erhielt er die Nachricht, daß Andreas‘ Eltern in Hannover während einer Sexparty verhaftet worden waren. Dem umfangreichen Geständnis der Mutter zufolge, hatte der Junge seit dem Säuglingsalter perverseste, sexuelle Exzesse über sich ergehen lassen müssen. Der Vater hatte sein eigenes Kind zudem mit Schlägen und gar mit Elektroschocks bis zur Bewußtlosigkeit gequält.

Dubiose Sexfreunde waren jahrelang von weither angereist. um an den grauenhaften Szenarien teilzuhaben. Nach Aussagen des Staatsanwalts würden die den Eltern zur Last gelegten Verbrechen ausreichen, um sie für mindestens fünfzehn Jahre hinter Gitter zu bringen. Andreas‘ Verfassung gebot es nun, für geeignete Unterbringung und entsprechende psychiatrische Behandlung zu sorgen. Das sollte in den nächsten Tagen Udos Aufgabe sein. Unter den gegebenen Umständen müßte er nie wieder diese Monster, die sich seine Eltern nannten, zu Gesicht bekommen.

Inwieweit der Junge allerdings überhaupt jemals in der Lage sein würde, ein halbwegs normales Leben zu führen, konnte natürlich niemand abschätzen. Auf jeden Fall hatte die Horrorgeschichte ein Ende gefunden. Nun müßte man alles versuchen, die schlimmsten Folgen für den kleinen Andreas zu lindern. Auf dem Heimweg zitterte Udo am ganzen Leib. All die Ereignisse und sein schrecklicher Fehler Yvonne gegenüber hatten ihn nicht nur seelisch schwer mitgenommen. Aber er wußte jetzt, was zu tun war. Er mußte Yvonne wiederfinden und ihr viel Zeit geben, damit sie sich davon überzeugen konnte, daß er begriffen hat, was er angerichtet hat.

Nie wieder wollte er, bei aller Wichtigkeit seines Berufs, dem liebsten Menschen in seinem Leben solche Schmerzen zufügen. Er würde warten, bis sie sich meldet, und ihr alles erklären. All seine Erkenntnisse der letzten Nacht waren so klar wie nie. Er liebte sie und wollte ihr das fortan immer beweisen. Irgendwie spürte er auch wieder Leben in sich zurückkehren wie seit Monaten nicht mehr. Er war sich plötzlich ganz sicher, daß Yvonne ihm eines Tages verzeihen würde.

Die lange Hauptstraße bis zum Haus von Yvonnes Eltern war fast verkehrsfrei. Fünfhundert Meter, bevor die Straße in eine scharfe Rechtskurve verlief, fiel ihm plötzlich die Zigarette aus dem Mund. Hektisch versuchte er die rote Glut am Boden zu entdecken. Um besser sehen zu können, bückte er sich tief herunter und merkte auf einmal, daß sich, beim Seitwärtsdrehen der linke Fuß unterm Bremspedal festgeklemmt hatte. Schnell nahm er den rechten Fuß vom Gas und versuchte verzweifelt, den linken frei zu machen. Wilde Panik ergriff ihn, als er sich der Situation bewußt wurde.

Rasend schnell, so schien es ihm, sah er die Kurve auf sich zufliegen und dann das Haus in der Kurve, das Haus ... das Haus

Wie gelähmt lag Yvonne auf dem Fußboden. Nie wieder würde sie aufstehen. Am liebsten verhungern oder einfach sterben. Nachdem die beiden Polizisten ihr mit betretener Miene von Udo's Tod berichtet hatten, hielt sie die Abschrift der Überreste des Abschiedsbriefes in der Hand. Wie nur hatte sie bei all den schrecklichen Dingen, die ihr Liebster tagtäglich hatte miterleben müssen, nur an sich denken können?

In Udo hatte eine Zeitbombe getickt, das wußte sie jetzt. Dabei hatte sie nichts von alledem begriffen, was mit ihm und seinen Gefühlen passiert war. Am Liebsten würde sie, genau wie er, in den Tod gehen. Die ganze Abscheulichkeit seiner Erfahrungen und der Verbrechen, die er verarbeiten mußte, hatte er nicht mehr verkraftet. Anstatt an sich zu denken, hätte sie ihm wirklich helfen sollen.

Unterdessen hatte sie sich nur mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt und nicht erkannt, daß er am Ende war. Sein Freitod mußte das Ergebnis unvorstellbarer, innerer Qualen sein. Der Selbstmord war sein letzter Ausweg aus einer Welt voll Haß und Gewalt. Und sie hatte nicht mal zu ihm gehalten. Unvorstellbarer Schmerz lähmte sie in jeder Faser ihres Körpers.

Da die Polizei keinerlei Bremsspuren vor dem Haus gefunden hatte, in das Udo mit siebzig Stundenkilometern gekracht war, hatte man angenommen, es würde sich um einen Selbstmord handeln. Daraufhin wurde das verkohlte Wrack genauer untersucht. Wie zur Bestätigung fand man die Reste seines Abschiedsbriefes.

Es war also wahr, Udo hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Eine von der Polizei rekonstmierte Abschrift der letzten Zeilen ihres gequälten Geliebten hielt sie, seit die Beamten gegangen waren, in den zitternden Händen. Immer und immer wieder las sie unter markerschütternden Tränen diese Bruchstücke eines verzweifelten Abgesangs, den auch sie mit verschuldet hatte:

Welt . .. so voll . . . Grausamkeit . . . Augenblick mit großen Worten . . . falsch . . . habe . . . durch meine Arbeit. leiden. . . schäme mich.., nicht. . . nicht verdient.. . ich letzte Nacht . . . falsch. Ich weiß ja nicht . . . dieser Brief. . . liebe Dich so sehr, aber. . . wohl .. . sagen .. . Schluß. . . machen irgendwie . . . Erleichterung . . . Zu lange .. . Selbstsicherheit verletzt. Alles tut mir so leid. .

Die gierigen Bestien

„Wir lebten einen Traum, Susanne! Nun, da die Zeit der Träume von gierigen Bestien verschlungen wird, können wir nur noch bangen ...“

Dieser Schlußsatz seines Briefes ließ sie nicht mehr los. Wie viele Wochen seit diesen letzten Zeilen ihres Liebsten vergangen waren, wußte Susanne nicht mehr. Sie spürte nur noch eins: rasende Angst um Milan, den sie im letzten Sommerurlaub in einem kleinen jugoslawischen Dorf kennengelernt hatte.

Mit Wehmut und Wärme dachte sie oft an diese Zeit zurück, Bereits am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Jugoslawien war sie mit dem Taxi übers Land gefahren. Bei sengender Hitze hatte sie im lauen Fahrtwind der offenen Limousine gebadet, den Chauffeur gebeten, hier und dort einen Moment zu halten, bis sie schließlich in einem verschlafenen Dorf das kleine Lokal entdeckt hatte.

Den Namen des Dorfes hatte sie nicht aussprechen können, deswegen ließ sie ihn sich vom Taxifahrer auf einen Zettel schreiben. Eine Angewohnheit, die ihr schon oft geholfen hatte, sich in einem fremdsprachigen Land zu orientieren. Wenn sie nicht weiter wußte, mußte sie einfach nur einem Passanten einen ihrer Zettel zeigen, und meistens wurde ihr dann auch geholfen.

Der dunkle Raum des Lokals verschluckte Susanne in seinem wohltuend kühlen Bauch, der, duftschwanger vom Geuch der Zitrusfrüchte, Frieden und Schutz vor der sommerlichen Hitze bot. Ein junger Kellner machte sich hinter der Theke zu schaffen, bis er die junge Touristin bemerkte. Aus dem Halbdunkel des hinteren Raumes tretend, hatte er ein Willkommenslächeln aufgelegt, das Susanne den Atem nahm. Breitschultrig, braungebrannt und groß, beinahe riesig, stand er vor dem Tisch, und seine schön geformten Hände wiesen auf die Speisekarte.

In dem Moment, als er sich nach unten beugte und durch den Kragen des weit aufgeknöpften Hemdes ein Teil seiner bronzefarbenen, kolossalen Brustmuskulatur zu sehen war, meinte Susanne ihr Herz schallend durch den Raum schlagen zu hören. Solch eine Gewaltigkeit erregter Sehnsüchte hatte sie nie zuvor so intensiv empfunden, und zwischen Hauptgang und Dessert war sie bereits unsterblich in den jungen Kellner verliebt.

Jeden darauffolgenden Tag war sie in das kleine Dorf gefahren, um zu essen, zu träumen und darauf zu warten, daß er ihre Erregung spürte. Fünf Tage vor ihrer Abreise hatte sie sich dann endlich ein Herz gefaßt und wartete bis Mitternacht. Sie wäre mit diesem Mann bis ans Ende der Welt gegangen, und als sie dann beide zum ersten Mal unterm Sternenhimmel spazierengingen, wäre sie am liebsten nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Den ersten Kuß am sich im Mondschein spiegelnden Fluß glaubte sie nicht zu überleben, und als sie sich im Sprudelschaum der lauen Wellen liebten, weinte sie vor Glück.

Das alles war nun schon beinahe zwei Jahre her, und der liebevolle Briefwechsel wurde zunehmend von den Ereignissen überschattet, die täglich auch in den deutschen Medien dokumentiert wurden. Eigentlich war Politik für Susanne immer schon ein rotes Tuch, und so beschränkte sich ihr Wissen lediglich auf die Tatsache, daß in Teilen des Heimatlandes ihres Liebsten ein erbarmungsloser Krieg tobte.

Immer wieder hatte Milan auch davon geschrieben, daß ihre angekündigte Post nicht oder erst Wochen später bei ihm eintraf. Irgendwann hörte er auf zu schreiben, und Susannes allabendliche Sehnsuchtsseufzer, die sie in Richtung Süden schickte, konnten ihre Angst um den Liebsten nicht lindern. „Nun, da die Zeit der Träume von gierigen Bestien verschlungen wird ... Oh, Susanne, ich wär so gern bei Dir im friedlichen Deutschland" ‚ las sie immer wieder auf den abgegriffenen Seiten des letzten Briefes, für dessen Übersetzung sich eine ehemalige Schulkameradin bereit erklärt hatte.

Als Gastarbeiterkind war Jelena vor etlichen Jahren nach Deutschland gekommen. Der Kontakt zwischen den beiden Mädchen hatte sich immer nur auf die Schule beschränkt, um so mehr schätzte es Susanne, daß ihr Jelena zur Seite stand. Auch über ihre Ängste und Sehnsüchte hatte sie oft mit ihr gesprochen, und so entstand über die Monate eine richtige Freundschaft. In einer schweren Depressionsphase berichtete Jelena davon, daß in dem Gebiet um Milans Heimat keine Kämpfe stattfänden.

Susanne ließ sich davon überzeugen. Ihre Freundin war von einem Heimaturlaub gerade aus diesem Gebiet zurückgekehrt und hatte die ganzen drei Wochen über keinen einzigen Soldaten gesehen. Die Leute in ihrer Heimat waren bislang vom Krieg verschont geblieben, aber keiner wußte, ob das so bleiben würde. Eine günstige Zugverbindung könnte Susanne bis hundert Kilometer vor Milans Dorf bringen, und um ihren Liebsten vor allen Gefahren zu bewahren, indem sie ihn zu sich nach Deutschland holte, würde sie sogar die letzte Strecke laufen.

Wenn sie ihm nur helfen könnte. Und sich selbst auch, denn viele Monate hatte sie nun schon nicht mehr richtig geschlafen und kaum etwas Nahrhaftes zu sich genommen. Aus der Idee wurde ein Plan, und so machte sich Susanne auf den Weg, ihren Milan aus den Klauen der Kriegstreiber zu befreien. Hoffnungsvoll wie nie zuvor und ehrgeizig mit der Vorbereitung ihrer Rettungsaktion beschäftigt, ließ sie von den Horrormeldungen der Medien ab, und bald stellte sich auch wieder der Schlaf ein.

In wenigen Tagen sollte das ganze Unglück ihrer Ängste Geschichte sein. Warm-muffig umhüllt Susanne die Dieselwolke des klapprigen LKW, mit dem sie vom Bahnhof in Richtung ihres leidenschaftlich ersehnten Zieles getrampt war. Freundlich winkend verabschiedet sich der Fahrer, ein alter Bauer mit rissigen, zerfurchten Händen, aus dem Fenster des sich entfernenden Lasters. Die ganze abenteuerliche Reise war bislang mehr als gut verlaufen. Nette alte Damen hatten ihr im Zug die lange Zeit verkürzt, und nun ist sie keine hundert Kilometer mehr von Milans Dorf entfernt.

Jelena hatte ihr vor der Abreise noch eine Landkarte gegeben, auf der sie die Gebiete gekennzeichnet hatte, in denen nicht gekämpft wurde. Zwar waren Wochen vergangen, seit Susanne sich selbst im Fernsehen über die Ereignisse informiert hatte, aber ihr Vertrauen in Jelena machte das auch überflüssig. Hier am Ortsausgang eines friedlichen Bauerndorfes, das noch unberührt von allem zivilisatorischen Getöse scheinbar unverändert seit Jahrhunderten in sich versunken dahinschlummert, fühlt sie sich zum ersten Mal auf ihrer weiten Reise wie verloren auf der großen, weiten Welt.

Die umgehängte Reisetasche, in der, neben Parfüms und Wäsche, Jelenas Karte, der Kompaß und eine Flasche Champagner verstaut sind, schmerzt auf dem Rücken. Keine Menschenseele ist im Dorf zu sehen, und auch hier, am Beginn der tristen, unkrautumwucherten Landstraße kann sie kein Anzeichen menschlichen Lebens entdecken.

Die Unheimlichkeit ihrer Situation wurde bis jetzt von der Wichtigkeit ihrer Mission und von ihrer Sehnsucht überstrahlt. Aber nun kommen Zweifel auf, Angst und Heimweh. Mutterseelenallein in einem fremden Land an einer verlassenen Straße zu stehen unterstützt ihren eher kleinen Mut nicht gerade. Was erwartet sie, wie soll sie Milan finden, wenn sein Dorf ebenso verlassen ist wie dieses?

Einen kurzen Augenblick will sie einfach umdrehen und der Beklemmung entfliehen, aber diese Schwäche gestattet sie sich nicht. Der alte Bauer mit dem zahnlosen Lächeln hatte sie, wenn auch freundlich, davon überzeugen wollen umzukehren. Aber auch dort war sie stark geblieben. Gefahr hin oder her, was soll ihr schon passieren? Der Krieg ist mehr als dreihundert Kilometer entfernt, und außerdem ist es nicht mehr weit, basta!

Wenn sie Milan findet, machen sie sich beide sofort auf den Weg, und der Spuk ist schnell vorbei. Dennoch bleibt ein deutliches Gefühl der Angst vor der Ungewißheit. Wenn doch nur ein Auto käme. Aber die Gegend wirkt wie ausgestorben. Endlich! Ein lautes Motorengeräusch nähert sich vom Dorf her, und Augenblicke später prescht ein dreckiger Jeep um die letzte Kurve, um in Susannes Richtung zu fahren.

Reifenquietschend hält der Wagen fünf Meter hinter ihr, und plötzlich wird sie von unglaublicher Panik erfaßt. Was, wenn der Typ, der sie nahezu grimmig mustert, mehr im Sinn hat, als sie mitfahren zu lassen? In dieser gottverlassenen Gegend könnte ihr doch kein Mensch helfen.

Panisches Grauen vor der heraufbeschworenen Gefahr läßt sie herumfahren, und sie rennt aus Leibeskräften dem Acker entgegen, der die Straße zu beiden Seiten begrenzt. Außer sich vor Angst, wünscht sie sich plötzlich nach Hause oder zumindest ganz weit weg. Die Tasche schlenkert um sie herum, ein Schuh bleibt im Morast stecken. Auf einmal ahnt sie die ganze Dimension ihrer Naivität und Dummheit. Das ganze kommt ihr vor wie ein Alptraum oder wie ein schlechter Scherz. Wie hatte sie nur so leichtfertig handeln können?

Hundert Meter von der Straße entfernt fällt ihr die Reisetasche von der Schulter, und im gleichen Augenblick taucht wie aus dem Nichts der angsteinflößende Jeep neben ihr auf. Der Fahrer springt von seinem Sitz und steht in einer Sekunde vor ihr. Blitzschnell greift der Mann nach Susannes Tasche. Entsetzt starrt sie in sein Gesicht und weiß nicht, was passieren wird. Der Fremde trägt einen dreckbeschmierten Tarnanzug, derbe Militärstiefel und lächelt ihr breit entgegen.

Mit einer beinahe unterwürfigen Geste reicht er ihr die Tasche, holt wie erleichtert Luft und lächelt dabei die ganze Zeit. „Wie dumm von mir“, denkt Susanne bei sich und legt eine entschuldigende Miene auf. Da dreht sich der Tarnanzugmann um, langt auf den Beifahrersitz des Jeeps und holt ein kleines Fläschchen hervor, das er Susanne, noch immer lächelnd, unter die Nase hält.

Die ganze Bedrohlichkeit und alle Angst der letzten Momente löst sich unvermittelt auf. Ein ungewollt breites Erleichterungsgrinsen vertreibt die Anspannung aus ihrem Gesicht. Plötzlich erfüllt ein kreischendes Zischen die Luft, markerschütterndes, schmerzvolllautes Krachen und ein greller Lichtblitz werfen Susanne zu Boden. Für einen Moment droht sie das Bewußtsein zu verlieren.

Eine gewaltige Explosion muß sie umgeworfen haben. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie nichts als Rauch. Dumpfes Rauschen, wie das eines schwelenden Brandes, und stechender Schmerz im rechten Oberschenkel sind die ersten Eindrücke, die sie wieder bewußt wahrnimmt. Beim Blick auf den brennenden Blechhaufen, der vor Sekunden noch ein Jeep gewesen war, erblickt sie die Stiefel des Mannes. Sie liegen am Boden, und aus jedem lappt ein Stück blutverschmierten Tarnanzugs, sonst nichts.

Die Explosion muß ihn zerrissen haben wie Papier, während sein Körper Susannes Schutzschild gewesen ist. Klopfendes Reißen im rechten Bein läßt sie laut aufschreien, und beim Blick auf ihren Oberschenkel sieht sie einen rotglänzenden Gegenstand darin stecken. Ohnmächtiger Wahn läßt sie erstarren, und eine Sekunde später begreift sie, daß da ein Knochen aus ihrem Bein ragt.

Brüllendes Maschinengedröhn und laute, unartikulierte Rufe nimmt Susanne noch in ihrer Umgebung wahr, dann schwindet ihr Bewußtsein in einem dumpfen, schwarzen Nichts.

Grauer Gestank und pochender Druck im Kopf lassen Susanne erschauern. Bevor sie die Augen aufschlagen kann, beklemmt sie eine dunkle Ahnung. Der erste klare Gedanke läßt sie blitzartig hochfahren...

Kreischend löst sich ein Schmerzensschrei aus ihrer trockenen Kehle. Als hätte man mit unglaublicher Wucht auf ihr Bein geschlagen, spürt sie den Schmerz, dessen Ursache nun wieder klar in ihrem Gedächtnis ist.

Wie ein sich näherndes, grausames Monster kommen die Erinnerungen, und als sie die Augen aufschlägt, will sie am liebsten auf der Stelle tot sein. Die furchtbare Gewißheit droht ihr das Bewußtsein zu nehmen, alles dreht sich im Kreis, und wimmernd hechelt sie in den muffigen Raum: „0 Gott ... ich bin gefangen!“

Die festgebundenen Lederriemen an Susannes Handgelenken schneiden tief in ihre Haut. Eine blanke Holzpritsche dient als Bett. Die vergitterte, dunkle Zelle ist gefüllt mit ebenso dunklen Gestalten, die grinsend auf Susanne gaffen. Erst jetzt bemerkt sie, daß sie völlig nackt ist. Einzig der blutige Verband am rechten Schenkel bedeckt ein Stück ihrer Blöße. Entsetzt findet sie keine Worte, der Druck im Kopf nimmt zu. Ihre Beine sind weit gespreizt auf die Holzpritsche gebunden, was die Situation unermeßlich pervers werden läßt.

Diese abscheuliche Pose, die ganze Grausamkeit ihrer Hilflosigkeit, droht sie wahnsinnig werden zu lassen. Wut und Angst, abgrundtiefer Haß und quälende Ungewißheit regieren jeden ihrer Gedanken. Jede Bewegung wird durch die straffe Fesselung unmöglich gemacht.

Ein dicker Uniformierter nähert sich seitwärts. In gebrochenem deutsch grollt seine dunkle Stimme bedrohlich überlegen und haßerfüllt: „Susanne Naumann aus Deutschland, soso!“ „0 mein Gott“, schießt es ihr durch den Kopf. Zu mehr ist ihr erschütterter Verstand nicht mehr in der Lage. „Imperialist!“ herrscht sie der Dicke an, und als wolle er sie fressen, öffnet er weit den Mund und brüllt: „Wir haben Sie auf frischer Tat erwischt. Glauben Sie nicht, daß wir nicht wissen, was Sie hier wollen. Ihr Verräterfreund ist leider zu früh gestorben.“ „Nein!“ versucht Susanne zu widersprhen. „Das war doch . ..„ Da saust die Faust des Dicken mit voller Wucht auf ihr verletztes Bein herab.

Schreiend und als wollten ihre Augen aus dem Kopf springen, spürt sie eine nahende Ohnmacht. Unbeschreiblicher Schmerz zerreißt jeden Gedanken in ihrem Kopf. „Was hat er Ihnen mitgeteilt, Susanne Naumann?“ Schleimig grinsend und angsteinflößend gafft der Dicke auf ihr zuckendes Bein. Schockiert und vor Angst gelähmt verbeißt sie sich den Ton beim Weinen.

Wie besänftigend rumort leise seine Stimme, während die anderen Soldaten immer noch um sie herum stehen.

„Sie werden sterben, Susanne Naumann! Aber vorher beantworten Sie noch unsere Fragen.“ „Nein!“ brüllt Susanne wieder, und als der Dicke seine Faust erneut zum Schlag erhebt, erstirbt jeder Gedanke an Rechtfertigung in ihr. Die Karte von Jelena mit den markierten Gebieten, der Zettel mit dem Namen des Dorfes, den ihr damals der freundliche Taxifahrer aufgeschrieben hatte, und der Kompaß liegen auf einem Tisch unweit der Pritsche. Daneben steht die leere Champagnerflasche. Der Schlag des Uniformierten findet nicht statt. Vermutlich ahnt er die Gefahr einer Ohnmacht.

Nicht enden wollendes Zittern hat eingesetzt. Susannes Geist versagt ihr vollends jede Körperkontrolle. Der Dicke beugt sich herunter und drückt mit der zum Schlag bereiten Hand ihre rechte Brust. „Wir wissen, wie wir sie zum reden bringen!“ Mit einem satanischen Grinsen fährt seine rissige Hand auf ihrem Körper entlang. Susannes Tränen versiegen schlagartig. Mit weit aufgerissenen Augen wünscht sie sich, auf der Stelle zu sterben. Brutal bohrt sich sein Finger in ihre Scheide, und unsäglich angsterfüllt vernimmt sie den Befehl an die bereitstehenden Soldaten.

Nicht auf deutsch, aber sie versteht jedes Wort. Grollend haucht der dicke Uniformierte wie zur Übersetzung: „Meine Männer haben viel Spaß in diesem Lager. Susanne Naumann! Viele Männer. Sehr viele!“ Diese Sätze zersprengen alles Menschliche in ihr. Ruckartig zieht er den Finget heraus und führt ihn an seine Nase. Scheinbar genüßlich daran riechend, grinst er Susanne ein letztes Mal an, dreht sich herum und ruft beim Hinausgehen den Namen des ersten Soldaten, der den Befehl ausführen soll.

„Milan!“ Ohnmachtgeschüttelt reißt Susanne mit letzter Kraft die Augen auf und weiß nicht, ob das schon der Wahnsinn oder noch die Realität ist.

Ein schwarzhaariger, kräftiger Soldat steht zwischen ihren festgebundenen Beinen und reibt seinen Penis steif. Beim Vornüberbeugen wird der Blick auf eine kräftige, braungebrannte, bronzefarbene Männerbrust frei.

Irgendwie Brain-storm

Susanna K. aus Halle/S. (15 Jahre): „Ich habe einfach nur Angst. So viel ist in den letzten Monaten passiert. In der Schule muß man immer aufpassen, wo man hinläuft. Einige Mädchen sind schon angefallen worden, meistens auf der Toilette. Da stehen sie dann immer und warten. Wehe, wenn da ein Ausländerkind vorbeikommt.

Ich verstehe das alles nicht. Früher habe ich mich mit allen verstanden, und plötzlich rennen schon Zwölfjährige mit Messern und Pistolen rum. Nun, was soll man dagegen tun? Ich weiß es nicht. Ich kann doch gar nichts machen. Wenn ich nur schon die Jungs mit den Glatzen sehe, bekomme ich solche Angst, daß ich ihnen lieber aus dem Weg gehe. Die Lehrer können da auch nichts machen. Über irgendwelche Strafen lachen die doch nur. Das scheint sogar eine Art Auszeichnung für die zu sein. Manche Lehrer rennen inzwischen schon völlig entnervt aus der Klasse.

Mein Vater sagt immer, ich soll mich da um Himmels Willen raushalten, die schrecken ja vor nichts zurück. Er hat auch schon mal Ärger bekommen. In der U-Bahn. Drei von den Typen hatten einen Ausländer vollgepöpelt. Aber wenn man da versucht einzuschreiten, hat man vielleicht noch ein Messer im Rücken. Die Politiker müßten was tun. Aber die reden ja immer nur. Und reißen sich die Steuergelder unter den Nagel. Ich hoffe nur, daß meine Kinder mal nicht solche Angst haben müssen. Wenn nur nicht alles so hoffnungslos wär. Man ist denen ja völlig ausgeliefert. Wer riskiert schon gern einen eingeschlagenen Schädel. Also haut man lieber ab.“

Heidrun P. aus Bochum (58 Jahre): „Was soll ich dazu sagen? Die Medien übertreiben natürlich auch immer. Sicher ist das eine Gefahr, aber sollen wir Bürger uns darum kümmern? Wofür haben wir denn eine Regierung? Wir haben doch auch unsere alltäglichen Sorgen. Ausserdem lassen sich diese Rowdies doch von uns nichts sagen. Was sollte ich schon tun, wenn die in einer Gruppe daherkommen? In der Zeitung steht viel darüber, aber ich persönlich habe noch nichts mitbekommen. Und so lange die mir nichts tun, geht es mich doch nichts an.

Verbrecher gibt es auch in höheren Schichten, und denen passiert gar nichts. Ab und zu sieht man mal solche kahlgeschorenen Jugendlichen irgendwo herumstehen. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß die alle Mörder sein sollen. Außerdem kann man denen die Angst nicht verdenken, die sie haben wegen der Arbeitslosigkeit. Obwohl ich es nicht richtig finde, was da in Mölln passiert ist.“

Peter M. aus Luckau (43 Jahre): „Umlegen muß man die Schweine. Genauso, wie die mit Ausländern umgehen, genauso muß man mit denen umspringen. Damit die mal sehen, wie so was ist. Ich habe überhaupt nichts gegen Ausländer. Ich arbeite auf dem Bau, da wimmelt es nur so von Polen und Jugoslawen. Das sind doch genauso Menschen wie alle. Und wenn die Neos aus Frust alles kurz und klein schlagen, kann ich nur sagen: in den Tagebau mit denen. Damit die mal richtig arbeiten lernen. Die sind doch sowieso zu faul. Wenn wir keine Ausländer hätten, würden wir sowieso im Müll ersticken. Schauen Sie doch mal, was die alles für Arbeiten erledigen. Diese Neos wären sich natürlich zu fein dazu.
Jch kann Ihnen sagen, wenn ich die Macht hätte ... und die Politiker gleich mit einsperren. Das sind doch alles selbstherrliche, korrupte Dilettanten.

Nehmen Sie doch mal den Krause. Der Knilch verdient so viel in einem Monat wie unsereins in einem halben Jahr und bringt es nicht fertig, eine Putzfrau aus der eigenen Tasche zu zahlen. Da geht einem doch das Messer in der Tasche auf. Nein, die Politiker sind unfähig, das zu lösen. Soviel Gewalt gab es seit Hitler noch nie. Jetzt fangen schon die Kinder an. Durchgreifen ist die Devise und nicht nur reden.“

Ingo K. aus Bamberg (19 Jahre): „Ich frage mich, wie wir die alle durchbringen wollen. Die kommen doch alle nur her, weil sie hier besser leben könnten. Was soll ich denn noch sagen, wenn ein Deutscher jahrelang in einem Loch wohnt, und so ein Pole kriegt sofort eine Riesenbude mit allem Drum und Dran. Denen wird‘s doch viel zu leicht gemacht. Und was hat ein Russe, der kein Wort deutsch spricht, schon Deutsches an sich? Nein, die sollen sich erst mal um die eigenen Leute kümmern, bevor die ganzen Wirtschaftsflüchtlinge hierher kommen. Und inzwischen wird alles teurer. Man hat ja schon bald gar nichts mehr zum Leben.

Klar muß man nicht gleich Leute umbringen. Aber meinen Sie, die haben das mit Absicht getan? Die wollten doch die Ausländer nur erschrecken, dabei ist es eben passiert. Da kann ich auch nichts gegen tun. Bestraft werden müssen die natürlich. Aber warum entsteht denn so was? Weil die Politiker Fehler machen. Ich bin heilfroh, daß ich eine Lehrstelle habe. Aber was hinterher kommt, weiß ich ja auch noch nicht. Wenn dann so ein Türke eher Arbeit bekommt als ich, werde ich das auch nicht so einfach hinnehmen.“

Doris M. aus Stuttgart (32 Jahre): "Ich kann das schon gar nicht mehr hören! Wenn die im Fernsehen wieder mal so einen Filmbericht bringen, stelle ich immer ab. Was können wir denn dafür, daß da einige Jugendliche verrückt spielen? Und ich habe es satt, daß wir immer noch dafür zur Verantwortung gezogen werden, was vor fünfzig Jahren passiert ist. Ich kann sowieso nichts daran ändern. Oder glauben Sie, daß die Skinheads auf mich hören würden? Was können wir schon tun? Zahlen. Immer wieder und immer mehr zahlen. Warum soll ich nun mit meinem verdienten Geld die Bundesbahn sanieren, wenn die Chefs unfähig sind, so ein Unternehmen vernünftig zu leiten? Wissen Sie, ich habe so richtig die Schnauze voll.

Und wenn die Republikaner so viele Stimmen kriegen, dann nur, weil die Leute gefrustet sind. Das ist doch das einzige Mittel, das hilft.“

Bernd D. aus Köln (29 Jahre): „Am besten die Mauer wieder aufbauen und die Grenzen dicht machen. Früher, als wir noch unter uns waren, da gab‘s nie Stunk. Die Ossis sind doch alles faule Schweine und fordern immer mehr. Unsere Eltern haben mit fuffzig Mark im Monat angefangen, und die machen die ganze Wirtschaft kaputt mit ihren Forderungen. Und die Ausschreitungen kommen sowieso nur von drüben. Wo hat denn das alles angefangen: drüben. Warum soll ich alles zahlen, was die Kommunisten kaputtgemacht haben? Die da drüben haben doch immer alles mitgemacht. Die waren doch damit zufrieden, sonst hätte das keine vierzig Jahre gehalten.

Wir sind mit unseren Gastarbeitern immer klar gekommen. Jetzt haben wir den Salat. Eine leere Staatskasse, neue Nazis und ‘ne ganze Menge Schulden. Was habe ich jetzt von meiner Arbeit? Ich kann mich gerade mal so ernähren. Dabei kann doch von uns wirklich keiner was dafür.“

Helmut P. aus Berlin (40 Jahre): „Wenn wir weiter so viele Türken hier rein lassen, haben wir bald schon ein Aids-Notstandgebiet. Die ganzen Krankheiten kommen doch nur von den Ausländern. Und bevor ich meine Arbeit einem Türken überlasse und betteln gehen muß, tu‘ ich eher was dagegen. Die müssen raus, und zwar schnell. Man sieht ja, daß es nicht mal für uns Deutsche reicht. Die laschen Politiker haben wohl vergessen, daß wir ein Volk sind. Schauen Sie sich doch mal um. An den Schulen rennen lauter schwarzhaarige Bastards rum. Wie sollen unsere Kinder sich da noch sicher fühlen.

Wissen Sie, wie viele Verbrechen von den Ausländern verübt werden? Vielleicht kann man nur noch radikal gegen diese Mißstände vorgehen. Sonst ändert sich doch nichts. Ja, ich bin rechts eingestellt. Aber nur, weil wir Deutschen zu kurz kommen. Das war‘s.“

Ali Kaiman aus Uganda: Ali hat keine Meinung mehr. Ali wurde am 23. September von einer Gruppe glatzköpfiger Jugendlicher mit Baseballschlägern erschlagen. Diese Tortur dauerte ganze zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten, in denen Ali Kaiman sich mehr als einmal gewünscht hatte, er wäre nie hierher gekommen. Dabei hatte alles so gut angefangen damals ... Aber wer würde an dieser Stelle Alis Geschichte hören wollen? Wer würde wissen wollen, was ihn von seiner Heimat, von seinen Freunden und Verwandten wegtrieb. Wer würde verstehen wollen, daß auch er ein Recht auf Leben hatte? Und vor allem, wer hätte ihn retten wollen?

Außerdem erübrigt sich diese Frage, weil ihn niemand gerettet hat. Wer steht für die Schwachen ein, für die Opfer von morgen? Und wer für die Täter? Wie finden wir wieder zueinander, und wie lernen wir wieder, miteinander zu reden? Sollen wir weiterhin die Täter verurteilen und die Opfer bemitleiden? Oder wollen wir über unsere Feindbilder und über unsere Ängste sprechen? Vielleicht wollen wir ja auch gar nichts ändern. Wer ist denn eigentlich für Veränderungen zuständig? Keine Wortmeldung.

Lassen wir uns weiterhin jeden verdammten Tag unsere Arbeitskraft bezahlen, um uns abends vom restlichen Leben auszuschließen? Keine Gegenstimme. Wo steuert die Gesellschaft eigentlich hin? Zusehen kann aber auch anstrengend sein. Vielleicht kommt da mal einer, der eine Meinung hat. Die könnte man ja ganz einfach aufgreifen. Also abwarten. Wo gehobelt wird, fallen Späne.

NEIN, das geht jetzt aber wirklich zu weit. Aber wer soll denn nun eigentlich was tun? Und wer ist eigentlich ein Ausländer? Wo fängt es an und wo hört es auf? Keine Antwort. Wie viele Neunazis haben englische oder spanische Vorfahren? Wie viele wissen überhaupt davon? Wie viele Deutsche müßte man vorsichtshalber umlegen, um ganz sicher zu sein? Ist das überhaupt die richtige Frage? Um was, verdammtnochmal, geht‘s denn überhaupt wirklich, Herr Kohl? Unartikuliertes Gebrabbel. Vorbilder sind nicht in Sicht, richtige Wege wohl auch nicht. Also lassen wir‘s.

Wird schon irgendwie klappen. Hat ja immer irgendwie geklappt. Ja, irgendwie.

Das Spiel

„Brechendes Eisen.“
„Kreischende Stahlsägen.“
„Der Eiffelturm fällt!“
„Er fällt!!“ schreit er heraus.

Wie von einem Wunder überrascht, neigt sich sein Kopf seitwärts, die in seiner Phantasie selbst projizierten Bilder besser einzufangen. Aufgerissene Augen durchmessen die Leere der kaum wahrgenommenen Umgebung im verrauchten Zimmer.

Grell zirpend, schrill reißend, hart klopfend, dröhnen Gitarrenkaskaden, Drumwirbel und disharmonische Baßbälle im Raum seiner einsamen Großstadtträume.

Zwerchfelldonnernde Brechreize grölen die schwarzen Boxen um sich in polternder Gier, seine Trommelfelle zu zerfetzen. Am Ende eines jeden Liedes bleibt er allein zurück. Wie ein verspäteter Fahrgast, der gedankenlos die sich entfernenden Rückleuchten des verpaßten Zuges angafft, als hätte irgendwer gesagt: „Eine Reise ist wie gewissenlos saufen! Erst wenn es vorbei ist, bemerkst du die Distanz.“

Hugo bohrt mit dem Zeigefinger der linken Hand im linken Nasenloch und hüpft dabei im Takt der Musik auf einem Bein. Als wolle er den Inhalt seiner Nasenflügel dadurch geschmeidig auf den Finger fließen lassen, läßt er bei jedem Absprung vom Teppichboden den Druck in der Nase etwas nach. Im hintersten Winkel erfühlt Hugo noch ein schleimiges Kügelchen, kann es aber mit dem bereits naßgelutschten Finger nicht fassen. Also wechselt er das Werkzeug, um den sich langziehenden Popel am trockenen Ringfinger herauszuziehen.

Bei diesem Vorgang zieht sich ein wohlig-stechender Entleerungsschmerz von der Nasenwurzel bis ins Gehirn, und dieses Gefühl ist beinahe so erlösend schön, wie nach langer Wartepause endlich pinkeln zu dürfen. Man ist versucht, diesen Erlösungsschmerz so lange als möglich zu verlängern. Mit dem am Finger klebenden Objekt spielend, glotzt Hugo wie hypnotisiert auf die Lichtbalken des HiFi-Verstärkers und verfolgt ihr elektronisches Hasch-mich-Spiel mit nervösen Blicken.

Hugo ist vierundzwanzig, seine Freunde sagen „Hu“ zu ihm. Eigentlich sind es weniger seine Freunde, als die Mitglieder einer langweiligen Kirchenparkclique, die sich allabendlich trifft. Vermutlich hat Hugo überhaupt keine Freunde, und seitdem hier in der Stadt die Nazis ihr Unwesen treiben, ist beim Cliquentreffpunkt sowieso beizeiten keiner mehr anzutreffen.

Letzte Woche hatte eine andere Clique im Wohngebiet Zoff mit den Skins, von den Bullen war wieder mal weit und breit keine Spur zu sehen, und so haben die Dreckschweine einen platt gemacht, den Hugo von der Schule her kannte.

„Schöne Scheiße, die Neos pumpen reihenweise Kids um und werden dann noch von irgendwelchen Fernsehheinis vor die Kamera geschleppt. Wie in der Jugendsendung heute abend. Meterweise dummes Geschwätz und kein Beitrag zur Sache. Die meisten trauen sich sowieso nichts zu sagen, weil sie Angst haben müssen, nach der Sendung von so einer Horde unverbesserlicher Großdeutscher aufs Maul zu kriegen.

Keiner unternimmt was, und alle schauen zu.“ Hugo nervt sich über diese Ohnmacht bis zum Verrücktwerden. „Gibt es denn niemanden, der soviel Mut zustande bringt, denen mal die Landschaft zu erklären?“ Seit in der Stadt so ziemlich jeder aus Angst vor diesen Glatzen nach zwanzig Uhr längere Wege zu Fuß meidet, wird er schon bei jedem Gedanken an diese Schwachköpfe unendlich wütend, und am liebsten würde er sich einen von denen schnappen und windelweich prügeln.

Hugo hatte noch nie Angst gehabt. Von frühester Jugend an hat er sich geschlagen. Um Mädchen, um Bier, um Freikarten für Rockkonzerte. Schlägereien gehörten flur Hugo zum Aufwachsen in der Großstadt. Rückzieher gibt‘s nicht, und wenn einer der Kumpels in der Klemme ist, wird er erst so richtig rasend. Mit seinen Körpermaßen muß er sich auch nicht groß hervortun. Zwei Meter und drei, dazu fast so breit wie lang und Hände wie Schaufeln eines Bergbaubaggers ist eine deutliche Sprache für jeden, der Streit sucht.

Deshalb kriegt er auch niemals Zoff, und in der Clique stehen alle voll hinter ihm und respektieren ihn, wie er ist. Auch wenn er bei so hochgeistigen Gesprächen irgendwann nicht mehr mitkommt und sich lieber zurückzieht. Die anderen mögen ihn, weil er ein „gutmütiger Brummelbär“ ist, wie die flotte Ina immer sagt, wenn sie ihn liebevoll in die Wangen kneift. Schlägereien ja, das gehört einfach ab und an dazu. Männer haben eben auch noch eine andere Sprache, und Zoff gibt‘s in der Großstadt immer mal, vor allem unter verschiedenen Cliquen.

Nachdem der andere von Hugo so zwei, drei „Dinger auffe Mütze“ gekriegt hat, ist dann meistens auch alles schon wieder ganz friedlich, und nicht selten haben sich die vermeintlichen Gegner später als dufte Kumpels herausgestellt. Also Reibereien ja, aber das was da bei den Neos los ist, das erweckt in Hugo nichts als Abneigung und Wut. Hilflose Leute, Kinder und alte Rentner, Frauen und ängstliche Ausländerfamilien anzugreifen, das hält Hugo für verachtenswürdig.

Wenn einer unbedingt will, dann kriegt er aufs Maul. Aber vorsätzlich jemanden angreifen, und dann noch schwächere, das muß aufhören. Und so sitzt „Hu — der gutmütige Bulle“, wie ihn seine Kumpels vollständig nennen, jeden Abend in seinem Zimmer, dröhnt sich aus Wut über immer neue Schreckensaktionen der Skins mit Punk, Rock und Altbier zu und denkt nach. Er denkt nach über alle Möglichkeiten. Über Angriff und Verteidigung. über Sieg und Niederlage, und er hat auch schon einen Plan, und er hat eine Scheiß-Angst!

Wie an jedem Samstag nachmittag, wenn ihre Mannschaft Heimspiel hat, treffen sich die Mitglieder des „Hau-rein“-Fanclubs in der Kneipe neben dem Fußballstadion, das sie für gute zwei Stunden mit ihren jugendlichen Stimmbruchbässen und ihren Schlachtliedern erzittern lassen. Meistens geht es hier ganz friedlich zu, und die Fanclubbezeichnung soll alles andere als eine Aufforderung, einem gegnerischen Fan die Buntstifte aus dem Ranzen zu hauen, sein, als vielmehr der Wunsch, bestenfalls das gegnerische Tor unter der Wucht der einschlagenden Treffer fallen zu sehen.

Hugo hat heute miese Laune, und da sollte man ihn lieber seines Weges ziehen lassen, das wissen die Kumpels genau. Also steht er ausnahmsweise etwas abseits und grübelt, statt zu brüllen. Vor einer Stunde hatte er mit ansehen müssen, wie auf dem Weg zum Stadion eine Gruppe von vielleicht acht bis neun Skins zwei Jungs verprügelte. Die Kids waren sicher nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre, nur wurde ihnen offensichtlich zum Verhängnis, daß sie in den Farben ihrer Lieblingsmannschaft gekleidet waren.

Pech, daß gerade, als sie eiligen Schrittes Richtung Stadion liefen, die Straßenbahn mit den auswärtigen Fans vorüberfuhr und hundert Meter weiter vom zum Stehen kam. Im Laufschritt waren die Nazis angerannt und schlugen mit voller Wucht auf die Bengels ein. Hugo hatte sich der Magen verdreht, aber er war ganz allein auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelaufen. Was hätte er tun sollen? Ein lauter Brüller mit seiner bulligen Stimme lenkte die Skins wenigstens von den Kindern ab. Aber dann mußte er zusehen, daß er weg kam.

Erstaunlicher Weise hatte Hugo trotz seiner gewaltigen Statur noch niemals Konditionsprobleme gehabt, und so konnte er nach einem etwa kilometerlangen Spurt die anderen abhängen. Wie es inzwischen den Kleinen ergangen war, wußte er nicht und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. In diesem Augenblick, da er so steht und grübelt, übel gelaunt, leeren Blickes aufs Spielfeld gaffend, da hat er plötzlich Angst, daß etwas ganz Schreckliches passiert.

Weniger um sich, als um die Tatsache, daß er sich angesichts derartiger Wut kaum bremsen kann und irgend etwas in ihm explodieren will. Erst ein einziges Mal in seinem Leben hatte Hugo so richtig Wut gehabt: In der achten Klasse hatte ihm einer die Freundin ausgespannt und ihn dann noch geneckt. „Fettklops“ und „Butterberg“ hatte er ihn beschimpft, da war ihm der Kragen geplatzt, und mit einem einzigen Schlag hatte ihm Hugo drei Zähne ausgeschlagen.

Vater hatte dieses Duell eine Menge Geld und Ärger gekostet, aber für den anderen hatte es Hugo nicht leid getan, heute noch nicht! Aus der oberen Hälfte des Fanblocks kommt Shakespeare auf Hugo zu, ein baumlanger Rotschopf, der seinen Spitznamen seiner Leseleidenschaft verdankt. Shakespeare ist Präsi vom Fanclub „Power“, und nach einer kleinen Rempelei bei einem Cliquenfest in einem Vorort der Stadt waren Hugo und er gute Kumpels geworden. Shakespeare macht ein recht betretenes Gesicht und steht erst einmal vor Hugo herum, ohne auch nur einen Ton zu sagen.

Unruhig trippelt er von einem Bein auf das andere, und fast scheint es so, als müsse er sich beherrschen, nicht wie ein Kind loszuweinen. Irgendwie nimmt das Hugo mit, und erwartungsvoll fragt er: "Was ist denn mit dir los, Schäki?".

Leise und ein wenig zittrig antwortet er: „Die haben doch tatsächlich einen gekillt, die Schweine. Diese Drecksäue haben doch tatsächlich einen umgebracht, und dazu noch einen Jungen von eben mal zwölf.

Der Rest geht in Blubbem und Schluchzen unter, und Hugo dreht sich erneut der Magen um. „Wann, wo?“ kann er im ersten Moment nur fragen, und die Antwort nimmt ihm fast den Verstand.

„Vor fast zwei Stunden, kurz vor der Endstelle der Straßenbahn, hab‘s gerade im Radio gehört. Milli hat eins dabei. Beschissene Nachricht‘ fügt er noch an und wendet sich frustriert zum Gehen.

Nach einem Meter ist er kopfschüttelnd im Gewühl des Fanblocks verschwunden. „Verdammte Schweine!“ hört Hugo sich sagen und erschrickt über sein Selbstgespräch. Unermeßliche Wut steigt in ihm auf, und er fühlt, wie alle Organe auf Hochtouren arbeiten. Als würde er brennen oder kotzen müssen, und in der Tat muß er erst mal kräftig durchatmen und alle Kräfte zusammennehmen, damit das Bier im Magen bleibt.

„Jetzt reichts“, hämmert es in seinem Kopf, und er dreht sich um die eigene Achse vor Wut. Zwei Minuten später ist er schon unterwegs zum Stadionausgang, und wie gewarnt gehen dem zornschnaubenden Bullen alle Leute aus dem Weg, Hugo weiß genau, wie er vorgehen muß. Tausendmal hat er diesen Plan im Kopf durchgespielt, und seine Aufregung hat sich mit jedem Male mehr gelegt. Zu Hause angekommen, rennt er wie wild die Treppen hoch, stößt die Wohnungstür auf und greift sich die bereitgelegte Tasche. Ein fühlender Griff bestätigt ihm, daß alles vorhanden ist. Schnell verläßt er die Wohnung wieder und stürzt zu seiner Harley.

Keine zehn Minuten später steht er wieder im Fanblock und kippt einen Pappbecher Bier hinunter. „Schnulle“, der begeistertste Fan all seiner Kumpels, rempelt ihn an und rülpst: „Wo warst ‘n, hä?“ Zur Antwort hält Hugo ihm den halbleeren Bierbecher unter die Nase, was „Schnulle“ als Antwort befriedigt. In so einem vollen Stadion kommt es schon mal vor, daß man eine halbe Weltreise unternehmen muß, um eine Pfütze Bier zu kriegen.

Das ohrenbetäubende Gebrüll zum Schlußpfiff geht an Hugo vorbei wie alltäglicher Straßenlärm. Seine Augen sind seit einer halben Stunde nur auf einen Punkt gerichtet: die Ecke, in der vielleicht fünfzehn auswärtige Skinheads lümmeln. Die Menschenmassen setzen sich in Bewegung, und Hugo läßt sich herumschubsen wie ein Pingpongball. Seine Kumpels haben längst schon gemerkt, daß mit ihm was nicht stimmt. Da ist es wirklich besser, sich dünn zu machen, also sind sie schon mal vorgegangen.

Im Gewühl kommt Hugo den Glatzen immer näher und spürt, wie sich seine Wut ballt. Sein Magen zieht gerade in den Darm um. An die Jungs auf der Straße denkt er, und daran, wie diese Schweine einen davon zu Tode geprügelt haben. „Die mache ich platt, die Dreckschweine! Ich mache die ganze verdammte Bande platt!“, wuchert in ihm ein Energiefeld aus Wut und Angst, das ausreichen würde, einer mittelgroßen Armee zum Schlachtsieg zu verhelfen.

Inzwischen sind die Skins klar zu erkennen, sie müssen genauso mit der Masse laufen und werden genau in Hugos Richtung gedrückt. Nun wendet er sich ab, damit sie ihn nicht sehen, und bleibt absichtlich stehen. Zwanzig Meter hinter ihnen lenkt er wieder in den Menschenfluß ein und heftet sich wie ein Magnet an ihre Fersen. Der Abstand bleibt, und bald schon entstehen die ersten Lücken auf dem Bürgersteig.

„Die Richtung ist klar“, denkt er bei sich und geht zu seiner Maschine, nachdem er beobachtet hat, wohin der Weg der Gruppe führt. Von nun an ist alles einstudiert, kalte Berechnung und blinde Wut. „Euch mach ich platt!“ murmelt es immer nur in ihm, und als der Motor brüllt, verzieht sich sein Gesicht zu einem fiesen Grinsen. Seine Kumpels würden ihn so nicht wiedererkennen, aber das muß ihm in diesem Augenblick egal sein. Er hat noch ein Spiel zu spielen.

Unter monumentalem Dröhnen donnert seine Harley über den Fußweg. Noch zehn Meter, und schon hat Hugo sich einen ausgesucht. Der wäre so überrascht, daß er starr vor Schreck mit sich geschehen lassen würde, was kommt. Mindestens ein Bein würde ihm gebrochen, wenn die schwere Stahlmaschine unter ihn fährt und ein mächtiger Arm ihn vom Boden losreißt. Der vom Aufprall erschütterte Körper würde sich mit Leichtigkeit auf den Tank legen und dort festhalten lassen.

Nachdem dieser fixiert und sicher in Hugos Händen wäre, würde er eine Runde drehen und auf dem Rückweg die verdutzten Nazis einfach wegpusten mit seiner in der Tasche verpackten Kanone. Den Rest würde er ihnen mit den beiden Handgranaten geben, die er mitgebracht hat, und noch bevor das Schwein auf dem Tank so richtig zu Bewußtsein kommt, findet der sich in einer alten, verlassenen Fabrikhalle wieder.

Hugo würde dem einfach mal zeigen, was es eigentlich heißt, richtige Schmerzen zu haben. Bis zur Bewußtlosigkeit würde er ihn quälen und dann wieder von vorn anfangen. Ihm alle Knochen brechen und Scheiße fressen lassen, diesem Stinker. Oder vielleicht würde sich auch einer der Skins ganz abrupt umdrehen, bevor er überhaupt nahe genug war und wider Erwarten eine Muskete hervorholen.

Dann würde er Hugo die Eier wegballern oder sein Gehirn auf der Straße verteilen... Schrill ertönt die Pfeife des Schiedsrichters keine drei Meter von Hugos Ohr entfernt. Der hat sich zum Elfmeteranpfiff direkt hinters Tor gestellt, das an den Fanblock grenzt.

Im Wahn seiner brutalen Phantasien war Hugo bis an den Sperrzaun hinunter gedrängt worden. Verwirrt, als hätte er nach großer Anstrengung eine halbe Stunde gedöst, blickt er auf den Mann in Schwarz und sieht ihn lange an. „Der Schiedsrichter!“ geht es ihm durch den Kopf und erschrickt so heftig über seine Himgespinste und Rachegelüste, daß ihm der Eierbecher aus der Hand fällt.

„Wie traurig das alles ist. Was ist nur mit mir? Bin ich so ein Schwein wie die?“, schießt es ihm durch den Kopf Tiefe Enttäuschung über sich selbst macht sich in ihm breit. „Sich so gehen zu lassen!“ wirft er sich vor. „Auch wenn es nur im Kopf passiert, es ist doch da. Aber ich bin kein Killer, ich bin nicht wie die und große Tränen laufen über Hugos Gesicht.

Tränen der Erschütterung, der Wut und der Trauer. Trauer um die Jungs von der Straßenbahnhaltestelle. Was hätte er denn tun sollen? Irgendwie ist er jetzt auch froh, daß es nur Phantasien waren vorhin, und bemerkt nicht, daß eine Hand aus dem Hintergrund nach seiner am Boden abgestellten Tasche greift, in der eine schußbereite Pistole und zwei selbstgebaute Handgranaten liegen.

Das Interview

Samstagmittag gegen zwölf, und eben entlocken mir Daphnes verzweifelte Weckversuche ein erstes Lächeln. „Och!“ prustet die Kleine mokiert: „Du bist ja munter, Papa, und läßt mich die ganze Zeit zappeln!“

Gespielt beleidigt dreht sie sich um, wirft den Kopf zurück und stolziert aus dem Schlafzimmer. Bevor sie die Tür hinter sich zu zieht, wirft sie mir noch einen schelmischen Blick zu und streckt „zur Strafe“ die Zunge heraus.

Eine Minute später steht sie strahlend mit einem umwerfend liebevoll präparierten Frühstückstablett neben dem Bett und schubst mich sanft auf die Seite. „He, ganz schön keck für einen Dreikäsehoch von vierzehn Jahren“, lache ich sie an und mache ihr Platz.

Nachdem sich meine schlaftrunkenen Augen an der Fülle des Tabletts ergötzt haben, entschärfe ich den Satz mit einem Gutenmorgenküßchen, und schon stürzen wir uns auf die frischen Brötchen, Honig, Eier und all die anderen Köstlichkeiten für eine dicke, pelzige Samstagmorgen-Zunge.

„Dieses Frühstück wird mir das Leben retten!“ unternehme ich einen Versuch, Daphnes Fleiß zu belohnen. Während ich einen kräftigen Schluck Kaffee nehme, erwidert sie augenzwinkemd: „Ja, und der ‚Dreikäsehoch‘ hat den Kaffee auch eben erst gebrüht, mit dem du dir gleich den Mund verbrennst.“

Zu spät! Meine Gier beschert mir wohl eines der häßlichsten Frühstücksgefühle dieser Welt: Der kochend heiße Kaffee versengt mir die Zunge und, weil ich ihn nicht lange im Mund behalten kann, auch noch die Speiseröhre und den Magen. Mein schmerzverzerrtes Gesicht entzückt Daphne derart, daß sie fast an dem Lachen erstickt, das sie sich verbeißt, und nach der ersten Schrecksekunde müssen wir beide losbrüllen.

Seit dem Autounfall, bei dem ihre Mutter ums Leben kam, ist sie mein ganzer Lebensinhalt. Zu Hause ist sie ein Engel, und die Schwierigkeiten mit den Lehrern in der Schule hat sie vermutlich ihrem losen Mundwerk und ihrem von einer dicken Portion Intelligenz unterstützten Selbstbewußtsein zu verdanken. Dabei hat sie ganz ausgezeichnete Noten, nur kann sie an der entscheidenden Stelle den Mund nicht halten.

Ich liebe Daphne von ganzem Herzen und bin mir nicht sicher, ob ich Elkes Tod ohne ihre Anwesenheit überhaupt überlebt hätte. Nachdem wir ausgiebig getafelt haben, schiebt sie das Tablett ans Fußende des Bettes, richtet sich halb auf und schaut mir besorgt in die Augen. „Du mußt heute das Interview machen, nicht wahr?“

Daphne weiß über all meine Arbeiten bestens Bescheid. Nach meinem letzten, ganzseitigen Artikel im „Kurier“ hatte ich ihr von meiner Wut über das heutige Interviewthema erzählt. Erschwerend war nun dazu gekommen, daß ich es offensichtlich mit einer Gesprächspartnerin zu tun haben werde, die in meinen Augen alles andere als angenehm sein wird. Auch darüber hatte ich mit Daphne gesprochen.

Nicht selten half mir bei beruflichen Konflikten, die zu Hause zur Sprache kamen, ihre jugendliche Leichtfertigkeit, Probleme zu entschärfen. So über meinen eigenen Schatten zu springen und wenigstens ab und zu abzuschalten, verdanke ich ihr. „Wird schon nicht so schlimm“, versuche ich abzulenken. „Ich helfe dir beim Abwaschen.“

Aber sie kennt mich besser, und mit ihrer unvergleichlichen Art, auf die Sorgen anderer einzugehen, redet sie mir die ganze Zeit in der Küche Mut zu, was sich wie immer erleichternd und in gewisser Weise auch belustigend auf mich auswirkt. Vermutlich würde ich auf der Stelle tot umfallen, würde mir ein ähnlich tragisches Schicksal meine Tochter entreißen, so wie ich vor Jahren Elke verlor.

Oft breiten sich deswegen in mir panische Angstzustände aus, wenn sie, wie heute, mit ihren Freunden wegfährt. So rede ich ihr zum Abschied noch mal ins Gewissen. Inzwischen donnert und brummt es in der Garageneinfahrt, als würde vor unserem Haus ein Motocrossrennen veranstaltet. Mit einem liebevollen Zwinkern verschwindet sie aus der Tür und läßt mich allein.

Mein zärtliches Abschiedslächeln wandelt sich, nachdem die Motorengeräusche in der Ferne verhallt sind, allmählich in groteskes Grinsen, in Anbetracht des bevorstehenden Nachmittags. Nach den Geschehnissen der letzten Wochen hatte ich gestern abend einen kräftigen Schluck aus der Whiskeyflasche genommen. Genauer gesagt, stürzte ich die erste Hälfte in einem Zug hinunter, und der Rest verteilte sich auf vier Gläser innerhalb einer halben Stunde. Noch nie hatte mich eine Berichterstattung derart mitgenommen, daß ich die wirren, hämmernden Gedanken und drohende, wütende Gefühlsausbrüche im Alkohol ertränken mußte.

Ein bleischwerer Schädel und lächerlich unkoordinierte Bewegungen sind nun das Ergebnis dieser Schlacht. Ein heißes Bad, bei dem ich mir die sachlichen und emotionalen Argumente meiner Befragung zurechtlege, läßt allmählich wieder Leben in mich zurückkehren. Das Telefonat, bei dem ich vorgestern erstmals mit meiner heutigen Interviewpartnerin gesprochen hatte, verdunkelte jede Aussicht auf ein sachliches Gespräch.

Eine ältere Frau, Elvira Stöckel, keifte unzusammenhängend und aggressiv ins Telefon. In ihrer Verblendung und mit zunehmender Dauer ihres keinen Widerspruch duldenden Monologs, hatte sie nicht mit Beleidigungen und Anschuldigungen gespart. „Ihr Schmierfritzen habt ihn auf dem Gewissen ... einen anständigen Mann so zu beleidigen ... Sie hätten ihn mal erleben müssen, wie er mit den Kindern..."

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, hatte ich mir da gedacht und mußte an die gräßlichen Bilder denken, die mir auf dem Polizeipräsidium vorgelegt worden waren. Von den Videos ganz zu schweigen. Rasende Wut hatte mich bei deren Anblick gepackt, und nachdem ich dem verantwortlichen Beamten mit Verständnis heischender Geste meine Visitenkarte gereicht hatte, war ich wutentbrannt und zum Bersten gespannt aus dem Präsidium gerannt.

Am gleichen Abend brüllte ich Daphne wegen einer Kleinigkeit an, es tat mir auf der Stelle leid. Kopfschüttelnd und mich mitleidig musternd hatte sie sich auf die Lehne meines Sessels gesetzt und gesagt: „Was muß das für ein Scheusal gewesen sein!“ Anschließend brachte sie zwei Tassen Tee ins Wohnzimmer, und ich redete mir alle Wut von der Seele, bis halb vier am Morgen.

In einer halben Stunde treffe ich also diese Frau Stöckel. Der Fotoapparat und das Diktiergerät liegen griffbereit auf dem Flurschrank. Nur hat sich der Autoschlüssel wieder mal verschanzt. Weil ich um Pünktlichkeit bemüht bin, fliegt der Inhalt aus vier Schubladen auf den Boden, bis ich den Schlüssel in der Jackentasche finde. „Jetzt nur ruhig bleiben!“

Unterm Scheibenwischer steckt ein Zettel von Daphne: „Mach sie fertig, Dad!“ Dabei muß ich an ihr intelligentes Mädchenlächeln denken, das sich, würde sie jetzt vor mir stehen, zu einem wahren Bollwerk der stärkenden Lebenshoffnung formen würde, und ich nehme mir vor, während des Interviews an Daphnes strahlende Augen zu denken.

Die Straßen sind wieder mal hoffnungslos verstopft. An die Wochenendeinkaufblechlawine habe ich wie üblich nicht gedacht, und die Einsicht schießt mir durch den Kopf: „Wenn du zu spät kommst, hast du schon im selben Augenblick verloren!“ Pünktlich fünfzehn Uhr betrete ich den Hausilur, über dessen Eingangstür die Nummer zweiunddreißig in Emaille gebrannt ist. Auf dem Treppenabsatz zum zweiten Stock baut sich eine dickliche, mittelgroße Frau auf.

Sie mag schätzungsweise gegen fünfundfünfzig Jahre alt sein, und ihr festtäglicher Aufzug verrät mir, daß sie Fernsehkameras erwartet hat. „Auch das noch!“ regt sich in mir eine Ahnung. Um sie von ihrer Enttäuschung abzulenken, lächle ich betont und begrüße sie eher etwas zu laut in schmeichelndem Tonfall: „Ah! Sie sind sicher Frau Stöckel, die Interviewpartnerin. Mein Name ist Behringer, vom ‚Kurier‘.“

Dabei wird mein Grinsen noch breiter, und ich fürchte, daß ich es ein wenig übertrieben habe. Ihr suchender Blick hinter mich, bestätigt meine Vermutung mit den Kameras, und so schiebe ich den Fotoapparat etwas mehr vor meinen Bauch. Das scheint sie fürs erste zu befriedigen, worauf sie mich tonlos bittet, ihre Wohnung zu betreten. Da sie hinter mir läuft, verpasse ich die Chance einer ersten Studie, und ich ertappe mich bei dem Wunsch, sie möge mich für eine Minute allein lassen, um in der Küche den Zucker zum Tee zu holen.

Stattdessen drängt sie mich ins Wohnzimmer und fordert mich mit einer stummen Geste auf, Platz zu nehmen. Statt dünnem Tee und edlem Gebäck entdecke ich auf dem Wohnzimmertisch einen Saftkrug und zwei Gläser. Keine bestickte Tischdecke, sondern ein Wachstuch liegt auf dem Tisch. Beim Hinsetzen fällt mein Blick auf den Feldstecher, der griffbereit auf dem Fensterbrett liegt. 'Na, das kann ja heiter werden!'

„Wie war noch mal Ihr Name?“ reißt mich ihre Stimme aus meinen Observierungen. „Behringer. Wir haben telefoniert.“ Obwohl es mir schwer fällt einen freundlichen Ton anzuschlagen, ringe ich mir ein nettes Lächeln ab. „Ich habe etwas Saft hingestellt, damit es beim Reden nicht staubt.“ Über diesen Lapsus kriegt sie sich fast nicht mehr ein vor Lachen. So blubbert sie vor sich hin, und irgendwie lache ich mit. Wenn auch mehr aus Freude darüber, daß die erste Verstimmung wohl überwunden ist. Um ihr einen Trumpf in die Hand zu spielen, entgegne ich gespielt verlegen: „Wissen Sie, ich mache diese Interviews auch nicht gerne. Aber in einer so netten Atmosphäre wird‘s schon nicht so anstrengend.“

Einen Augenblick lang verzieht sich ihr faltiges Lächeln. Dann rekelt sie sich zurecht, und feierlich, als würde sie ein Volksfest für eröffnet erklären, zirpt sie: „Na, dann lassen Sie uns mal anfangen, junger Mann.“ „Gut“, denke ich und versuche ihr Interesse anzuheizen, indem ich geschäftig in den Physikunterlagen meiner Tochter um herkrame und mit gewichtiger Miene behaupte: „Ihre Hilfe ist von hohem gemeinnützigem Wert, Frau Stöckel. Unsere Leser werden Ihre Bereitschaft schätzen“

„Ich abboniere den ‚Kurier‘ selbst seit fünfzehn Jahren.“ „Lügnerin“, schießt es mir durch den Kopf. Im Auszug unserer Versandabteilung der letzten zehn Jahre gab es weder einen Eintrag unter ihrem Namen noch unter dieser Adresse. „Na, das hört man gern, Frau Stöckel“, lüge ich zurück und werfe auf einmal meinen Plan über den Haufen, das Diktiergerät heimlich zu benutzen. Die Frage scheint mir riskant, aber wichtig: „Würde es Jhnen was ausmachen, wenn ich unser Gespräch mit dem Diktiergerät aufzeichne?“ „Aber nein. Ich will ja nicht schuld sein, wenn Sie sich die Finger wund schreiben müssen.“ Und wieder blubbert sie vor sich hin.

Gewonnen! Um etwas Zeit zu verschwenden und damit das Zepter vollends an mich zu reißen, schalte ich umständlich das Gerät ein und halte eine ebenso hochoffizielle wie überflüssige Einleitungsansprache. „23. August 1992. Frau Elvira Stöckel hat sich bereit erklärt, dem ‚Rhein-Kurier‘ ein Exklusivinterview im Zusammenhang mit dem Tod des Herrn Tillmann Neudorfer zu geben. Gegenstand des Gesprächs ist ihr nachbarliches Verhältnis sowie die vermeintlichen Umstände, die zum Selbstmord des Herrn Neudorfer führten.“

Darauf folgt eine Reihe von erfundenen Aktenzeichen und Redaktionsfloskeln, um ihr letztes Mißtrauen zu zerstreuen, endend mit den Worten: „Samstag, 23, August, fünfzehn Uhr fünfzehn. Uwe-Ernst Behringer, ‚RheinKurier‘.“

Sichtlich beeindruckt von dieser offiziellen und scheinbar professionellen Vorstellung fährt ihre linke Hand ungeduldig und Unsicherheit verratend auf ihrem linken Bein hin und her. „So ist‘s recht!“ bestätige ich mir selbst den Erfolg. Meine Fragen sollen sachlich und zielgerichtet sein. Zeit für ähnliche Ausbrüche wie neulich am Telefon will ich ihr nicht lassen.

Ich schlage Reporterton an: „Frau Stöckel, Sie sind die Nachbarin des am siebzehnten August verstorbenen Tillmann Neudorfer. Wie lange wohnten Sie mit ihm in diesem Haus?“ „Seit achtzehn Jahren.“ Überrascht von meiner rasanten Gangart, steckt ihr ein Kloß im Hals. Besser kann‘s nicht laufen.

„Wie war Ihr Verhältnis zu Herrn Neudorfer?“ „Nun, er war mein Nachbar“, stammelt sie. Mit Erleichterung registriere ich, daß sie der Situation nicht gewachsen ist. „Wie kamen Sie mit ihm zurecht? War er nett oder eher zurückhaltend? Lebte er in sich zurückgezogen oder hatten Sie auch persönlichen Kontakt?“ „Er war nett. Aber wir sahen uns nur zwei bis dreimal die Woche.“

„Frau Stöckel, wie Sie sicher wissen, war Herr Neudorfer in der Nachbarschaft als besonders engagiert bekannt. Können Sie unseren Lesern etwas dazu sagen?“ „Oh.“ Jetzt scheint sie weit ausholen zu wollen. „Er holte jedes Jahr im Sommer ein paar Kinder zu sich, arme Kinder. Meistens aus dem Waisenheim. Seit ein paar Jahren besuchten ihn sogar Kinder aus Rußland. Sie wissen schon, die aus Tschernobyl.“ „Zu welchem Zweck?“ „Na, um ihnen die Ferien zu verschönern. Herr Neudorfer war sehr kinderlieb.

Bis vor zwei Wochen die Polizei...
„Dazu kommen wir nachher, Frau Stöckel. Wie haben diese Kinder bei ihm gelebt? Haben Sie mit ihnen gesprochen?“ „Diese armen Würstchen haben doch sonst nichts. Und die russischen Kinder haben sich besonders gefreut, daß so ein guter Mann für sie da ist. Die hätten Sie mal sehen müssen, wenn er mit ihnen aus dem Zoo oder aus dem Kino nach Hause kam ...“ So schwärmt sie von dem gutmütigen, alleinstehenden Mann, der nichts anderes im Sinn hatte, als armen Kindern die Sterne vom Himmel zu holen. Frau Stöckel breitet die ganze Palette glückseliger Kinderträume auf der Wachstuchtischdecke aus, und ich muß wirklich an mich halten, sie nicht niederzubrullen.


'Zu früh!' ermahne ich mich selbst. Einen Rausschmiß darf ich nicht riskieren, die Frau muß behutsam geführt werden. Mein Blick fällt auf den Videorecorder und den Fernseher in der Zimmerecke. Wie beschwörend liegt meine Hand auf der Tasche mit dem Videoband. 'Später!'

"Bis diese Polizisten hier waren, und von da an war er ein anderer Mensch. Ich sage Ihnen, wenn einem gutmütigen Menschen soviel Unrecht angetan wird, ist es kein Wunder, daß er durchdreht."

Inzwischen hat sie sich heiß geredet. Wütend fügt sie hinzu: „Ja, und dann die ganzen Schmierereien in den Zeitungen. Am Tag zuvor waren Leute vom Fernsehen in seiner Wohnung. Das hat er wohl nicht verkraftet.“

'Jetzt!' schießt es mir durch den Kopf. Aber Wut und Abscheu verbergend, nehme ich mir vor, den Präventivschlag behutsam einzuleiten. „Was empfanden Sie, als sie die Leiche entdeckten?“ Einen Moment lang hält sie den Atem an. Langsam greift ihre Hand nach dem Saftglas. Nachdem sie, wie zur Beruhigung, einen gierigen Schluck genommen hat, stöhnt sie: „Es war fürchterlich. Ich habe noch nie zuvor einen Toten gesehen. Sein Gesicht war so grau, entstellt, und ich..."

Nach Fassung ringend schüttelt sie heftig den Kopf und brüllt mich plötzlich an: „... und ihr Schweine habt ihn auf dem Gewissen!“ Darauf sinkt sie in sich zusammen.

Sekunden später entschuldigt sie sich für ihren Wutausbruch. Das ist die Gelegenheit einzugreifen! „0 Mann. Ihr Herr Neudorfer muß ein Heiliger sein!“

Überrascht schaut sie mich an. „Ich frage Sie, Frau Stöckel: Waren Sie jemals in der Wohnung Ihres Nachbarn? Haben Sie jemals sein ‚Studio‘ gesehen?“ Ohne eine Antwort zu erwarten, bereite ich meinen tagelang geprobten Angriff vor.

Ruckartig reiße ich das Videoband aus meiner Tasche, halte es in der linken Hand hoch und strecke die Rechte nach ihr aus. Lauter als ich will und heftig mit dem Band fuchtelnd schreie ich all meine Wut heraus: „Hier, liebe Nachbarin, sind die Aufzeichnungen des Wohltäters. Er war nicht nur ein Verbrecher allerübelster Sorte, sondern auch noch pervers genug, uns seine bestialischen Machenschaften auf Video zu hinterlassen. Hier, Frau Stöckel! Fünf Stunden wollüstige Abscheulichkeiten eines kindermißbrauchenden Monsters, drei Meter neben Ihrem Fernsehsessel aufgenommen“

"Das ist doch einfach..." will sie sich entrüsten. Aber durch nichts aufzuhalten, springe ich zum Videorecorder, schalte mit einer Handbewegung den Fernseher ein und stehe mit einem Satz hinter ihr. "Was ... was ... soll"‚ stammelt sie nur noch. Aber ich lasse sie nun nicht mehr zu Wort kommen. Ihren Kopf mit beiden Händen haltend, zwinge ich sie, in den Fernseher zu schauen. Immer noch rasend brülle ich erneut: „Schauen Sie hin! So sahen die glücklichen Ferienkinder aus! Verstrahlte, halbtote Kleinkinder, wehrlose Waisen. Ausgespuckt von der Gesellschaft. Ein gefundenes Fressen für einen Wahnsinnigen, der Ihr Nachbar war und jetzt Gott sei Dank endlich tot ist!“

Ich habe mich gehenlassen!

Mein Gebrüll muß man in der ganzen Straße gehört haben. Während die bestialischen Bilder über die Mattscheibe flimmern und markerschütterndes Kinderjammern meine Wut anstachelt, beginnt Frau Stöckel leise zu wimmern. Angesichts der unvorstellbaren Bilder und der satanischen Gerätschaften, die an und in den zerbrechlichen Körperchen grauenhafte Schmerzen verursacht haben müssen, ruft irgend etwas in mir erneut: 'JETZT!' Und diesmal folge ich der Stimme:

Leicht gebeugt schaue ich der weinenden Frau aus kürzester Distanz in die Augen. Meine Stirn berührt fast die ihre. Meine Hand hält ihr Kinn fest, so daß sie gezwungen ist, meinem Blick standzuhalten. Mit leise rollender Stimme, langsam und unvermutet überlegen, stelle ich die Frage: „Und Sie haben diese Schreie nie gehört?!“

Wie nach einem kräftigen Schlag sackt sie zusammen. Ihr Kinn fällt im gleichen Moment auf die Brust, als ich es loslasse. „Was sollte ich denn tun?“ haucht sie, als würde sie um Hilfe betteln. „Am Anfang hörte ich ab und zu Kinder weinen. — ‚Die armen Kleinen sind natürlich ganz verwirrt‘, hatte er immer gesagt.

Ein russisches Mädchen lief einmal nackt durchs Haus und weinte bitterlich. ‚Ein Anfall‘, war sein Kommentar. Aber so was passierte immer wieder, und da bekam ich Angst. Immer wenn ich diese Schreie hörte, drehte ich den Fernseher lauter oder ging in die Küche. Was sollte ich denn tun?“

Sich elend quälend, versucht sie ihrer Verzweiflung und Scham Herr zu werden. Beinahe väterlich lege ich ihr meinen Arm um die Schulter. In diesem Augenblick stürzt die ganze Welt über dieser Frau zusammen, und ich fühle, daß sie meine Solidarität braucht. Trotz allem Unverständnis, trotz der Wut ihr gegenüber bin ich plötzlich nicht mehr nur Ankläger. Plötzlich blickt sie mich flehend an. „Ich bin eine einsame Frau.“

Und nach einem kurzen Seufzer: „Er war nicht nur mein Nachbar. Manchmal kam er abends zu mir. Wir haben miteinander geschlafen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, niemanden zu haben? Gar niemanden?“

„Und deswegen haben Sie es ignoriert?“

Lautlos löst sie sich aus dem Sessel, läuft zum Fenster und blickt wie verloren auf die Straße. Ihr Zittern nimmt ein bedrohliches Ausmaß an. Plötzlich rutscht sie in sich zusammen und liegt bewegungslos am Boden.

Pechschwarz zieht eine schwere Regenwolke am abendlichen Himmel ihre Bahn. Laue, ozongetränkte Luftschwaden vermischen sich mit den Abgaswolken vorüberfahrender Autos. Ein dumpfer Druck hinter den Schläfen verrät die Anstrengung der letzten Stunden. Nachdem ich vergeblich versucht hatte, Frau Stöckel aus ihrer Starre zu lösen, rief ich einen Krankenwagen. Der junge Notarzt erkannte die Lage nach wenigen erklärenden Sätzen und verabreichte ihr eine hohe Dosis irgendeines Medikaments und nahm sie mit ins Krankenhaus.

Bei allem Schuldbewußtsein, ihr ein solches Schauspiel geboten und damit einen schweren Kollaps ausgelöst zu haben, hatte ich doch so etwas wie Genugtuung empfunden, als sie auf der Trage im Treppenhaus meine Hand festhielt.

Sie wird sich erholen, zumindest körperlich. Diese Frau Stöckel, die den einzigen Ausweg aus einer verzweifelten Einsamiceit darin sah, die finsteren Ereignisse neben ihrer Wohnungstür zu ignorieren, um wenigstens einmal im Leben das Gefühl haben zu dürfen nicht von aller Welt vergessen worden zu sein.

Aber sie wird bis an ihr Lebensende all die Qualen erleiden, die mit dem Begriff „Hölle“ nur ungenügend beschrieben sind. Die schreienden, gequälten Kinderseelen werden sie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Zu Hause fällt mir Daphne in die Arme und begreift beim ersten Blickkontakt, daß kein noch so wohlwollendes Wort meine seelische Erschöpfung lindern kann. Nach einem stummen Abendessen fällt mein trüber Blick auf ihren schwarzen Haarschopf, die zarte, unschuldige Reinheit ihres Mädchenkörpers. Da ist mir die Angst wieder gegenwärtig, die ich vor Jahren zu bekämpfen hatte. Die grauenvolle Gewißheit, daß auch in mir Bewegungen stattfanden, die wohl so mancher noch so gute Vater gegenüber seiner hübschen Tochter mit Erschrecken in verborgensten, schwarzen Tiefen seiner Männlichkeit aufspürt.

Die Deutlichkeit dieses Bewußtseins, die offene Konfrontation mit bis dahin völlig unbekannten, fremden Strukturen meines unbewußten Innenlebens hatten mir damals einen Riesenschrecken eingejagt. Hemmungslose Offenlegung aller, bis dahin nicht für existent gehaltenen, abgründigsten Regungen der menschlichen Psyche hatte mir damals geholfen, Stellung zu diesen Fingerzeigen einer teuflischen Existenz in den Verstecken unseres Wesens zu beziehen. Diese dämonischen Elemente, in deren Abgründen Luzifers Wünsche nur darauf warten, durch geschwächte Kanäle ans Licht zu drängen, sind seitdem für mich Gegenstand zahlreicher Studien gewesen, was mir neben unzähligen schlaflosen Nächten auch einige Erkenntnisse brachte:

Jeder Wutausbmch, jede noch so unbedeutende Bosheit in unseren Worten sind Ausdruck eines im Menschlichen verankerten, dunklen Wesenszuges. Im Kampf gegen diese Kräfte benötigt jeder von uns, neben schonungsloser Offenheit gegen sich selbst, die Nähe des Anderen.

Lassen wir es nicht zu, nach allen Seiten und nach innen Offenheit und Ehrlichkeit wirken zu lassen, treiben wir uns gegenseitig einem Abgrund entgegen, dessen Tiefe wohl nur denen wirklich bekannt ist, die ihre Seele dort bereits verloren haben. Fehlt die stärkende Gewißheit der Geborgenheit und der Güte in uns, die von uns ausgehen und bestehen kann, brechen alle Höllen unserer ungezügelten Phantasie über uns herein.

Die Gesellschaft für diese Abgründe verantwortlich zu machen käme einem Selbstmord gleich. Denn wir sind nicht nur ihren Gesetzen unterworfen, sondern: Wir sind die Gesellschaft!

Irgendwann in der Nacht weckt mich das Klicken der Löschtaste am Diktiergerät, die ich vor dem Einschlafen gedrückt hatte. Die Erkenntnisse der schwachen Frau Stöckel bleiben somit allein bei ihr.

Meinem Chef werde ich morgen die Story mit der Nachbarin ausreden. Denn die einzig wirksame Methode, unseren Schwächen und eigenen Gefahren zu begegnen, ist die Toleranz und der Glaube an das fortwährend stärker werdende Gute in all unserem Sein, für das wir zeitlebens einzustehen haben.

Whu Ki — Kind der goldenen Sonne

Ralf Zehnder ist fünfundzwanzig Jahre alt, etwas dicklich und Sohn einer frustrierten, alleinstehenden Bäckereiverkäuferin. Meistens trägt er Jogginghosen, karierte Hemden und bohrt (wenn er sich unbeobachtet fühlt) tief in seiner etwas zu klobig geratenen Nase.

Eine Lieblingsbeschäftigung von ihm ist es, sich mit einer Flasche Bier im Bett liegend Videos anzuschauen. Da ist die Welt noch in Ordnung, in seiner geräumigen Dachkammer herrscht der Frieden kleinbürgerlicher Ignoranz vor der Welt, die sich ja ohnehin nicht verändern läßt.

Galaxien entfernt von der Realität muffig stinkender, ölverschmierter Maschinen in der Kolbenfabrik, die ihm an jedem Ersten des Monats seinen Mindestlohn aufs Postkonto überweist, steckt er die Beine unter die Steppdecke und streichelt genüßlich seine Videosammlung mit strahlenden Blicken. Die Auswahl ist groß, und so manche Mark seines Lohnes hat Ralf dafür geopfert, die neuesten Filme aus der Videothek zu kopieren.

Mit den Mädchen hatte Ralf noch nie so recht Glück. Meistens fehlte ihm der Mut in der größten Disko der Stadt, in der er seit seiner Geburt wohnt, eine der Begehrten anzusprechen, oder er weiß von vornherein, daß er bei den von ihm gierig angestarrten, herausgeputzten Mädchen nicht landen kann. Die Zeiten, da ihm dieses Unbeachtetsein Einsamkeit vermittelte, sind längst vorbei. Viel lieber, als sich durch den Anblick unerreichbarer, praller Weiblichkeit unter durchsichtigen Blusen frustrieren zu lassen, vergräbt er sich in seiner Bude und glotzt geil auf die Traumbabys seiner Pornosammlung.

Ganz besonders erregen ihn dabei schwarze Mädchen mit großen Brüsten, und wenn der Filmpartner einer solchen sexy Puppe seinen Penis aus dem Mädchen zieht, um sein Sperma auf die milchkaffeebraune Haut zu ergießen, spürt er ein heißes Ziehen in der Lendengegend und onaniert genüßlich zwischen Schnellrücklauf und Zeitlupe in die von der Mutter weichgespülten Laken.

Besonders gern denkt Ralf an die Sommerzeit zurück. Zusammen mit seinem Kumpel Udo war er für drei Wochen nach Thailand geflogen, ein Supersparangebot seiner Firma. Viertausend Mark, inklusive Vollpension, und jeden Abend mit den kleinen thailändischen Nutten bumsen bis zur Erschöpfung.

Dort war das überhaupt kein Problem. Man geht abends aus dem Hotel und wird auf dem Weg zur erstbesten Kneipe von Dutzenden Mädchen angesprochen, die alle nur das eine wollen. Für ein paar Mark versteht sich. Die da unten stehen ungemein auf Deutsche, heißt es, und an seinem etwas üppigen Bauch stören sich die thailändischen Mädchen gar nicht.

Überall ging dort die Post ab. Im Hinterhof, im Hotelzimmer oder im Lift. Die kleinen Biester wissen, wie man einen Mann scharf macht. Manchmal waren es noch recht junge Mädchen und manchmal sogar richtige Frauen, wobei die Statistik meint, daß so ein Busenfan wie Ralf so seine Probleme hat, eine Asiatin im rechten Format zu finden. Aber Hauptsache, man fühlt sich so richtig als Mann.

Im letzten Jahr hatte sich Ralf geschworen, wieder dorthin zu fliegen, und in ein paar Wochen ist es wieder soweit. Der Reisebüroangestellte (ein ehemaliger Schulkamerad) hatte Ralf angelacht und gesagt: „Na, Alter. Paß nur auf, daß du dir nichts wegholst, da unten. Die haben doch alle irgendwas, die kleinen Schlampen.“ „Quatsch“, hatte Ralf gedacht. „Letztes Jahr habe ich nie einen Gummi benutzt, und gar nichts ist passiert!“

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Fröstelnd hält Whu Ki noch einmal Ausschau nach einem europäischen Gesicht am Eingangsportal des Grand Hotels. Wie verwaschen zieht sich ein erster Tageslichtstreifen vom Horizont zur Stadt, um den nahenden Morgen und Ki's Feierabend in orangeblaues Licht zu tauchen.

Gestern noch hatte sie um diese Zeit den starken Arm ihres Bruders umklammert, als er sie nach kurzem Schlaf auf einer uralten Strohmatte geweckt hatte. Eine halbe Stunde später hatte sie zusammen mit den anderen Mädchen des Viertels am Rande des Marktplatzes gestanden, dort wo sich allmorgendlich die Handwerker billige Arbeitskräfte für ein paar Stunden auswählen. Wieder hatte sie umsonst gehofft, irgendeiner der alten Gesellen würde mit seinen rissigen Händen auf sie deuten, um sie für eine halbe Schüssel voll Reis bis zum Mittag arbeiten zu lassen.

Grund für die fortwährende Hoffnungslosigkeit, wenigstens einmal im Monat mit guter Arbeit ein paar Nahrungsmittel mit nach Hause bringen zu können, ist sicher ihre körperliche Schwäche und ihre zarte Erscheinung. Whu Ki ist elf und von zarter Statur, welcher Handwerker zieht ihr nicht eine ältere, kräftigere vor.

Betrübt lief sie wieder heim durch die Gassen, die, gesäumt von lehmbeschmierten Bretterbuden und zum Bersten gefüllt mit geschäftig umhereilenden Händlern und Arbeitern auf dem Weg in die nahe Fabrik, vom goldenen Morgenlicht wie verzaubert wurden. Mutter wuchtete, als sie zu Hause ankam, gerade eine alte Tonne mit schmutziger Wäsche aus der Tür, die sie jeden Tag am Fluß vor der Stadt waschen mußte. Manchmal konnte sie die saubere, noch feuchte Wäsche vor Erschöpfung nicht nach Hause schleppen. Sie ruhte sich dann meistens etwas aus, und nicht selten schlief sie abends auch mitten auf dem Nachhauseweg ein.

Für die zu spät abgelieferte Wäsche bekam sie dann nur einen kleinen Sack Reis. Das reichte gerade mal für eine Mahlzeit für die ganze Familie. Vater lag seit drei Jahren schwerkrank in der Hütte, und so mußten Mutter und der einzige Bruder jeden Tag schwer arbeiten, um die sechsköpfige Familie zu ernähren. Für Vaters Medikamente, die er jeden Tag nehmen mußte, reichte nicht einmal ein ganzer Monatslohn des Bruders.

Mutter bemerkte Whu Ki, als sie sich gerade auf den Weg zum Fluß machen wollte, und aus den Blicken des Mädchens erfuhr sie die neuerliche Enttäuschung. Langsam strich sie ihr über das glänzende Haar und blickte ihr warm, fast mitleidig in die Augen. Mutter wußte, was in der folgenden Nacht passieren würde, nur war sie außerstande, ihrer Tochter dieses Los zu ersparen. Vater würde sterben, brächte Whu Ki nicht ab und zu ein paar Dollar für die Medizin nach Hause.

Was sie dafür tun mußte, war schlimm, das wußte sogar Ki's kleine Schwester Faj Do, die mit ihren fünf Jahren bald schon soweit sein sollte, eine Arbeit zu suchen. Aber bei all dem Übel hatte die Familie wenigstens immer etwas zu essen, wenn auch nicht üppig. Nicht alle Familien im Viertel konnten das von sich behaupten. Der Tag war mit Hausarbeit und dem Hüten der kleinen Schwestern wie im Flug vergangen, und als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, hatte sich Whu Ki gebadet und frisiert, ihr einziges Kleidchen angezogen und war in Richtung Einkaufsstraße gegangen.

In dieser Nacht verdiente sie viel Geld. Fünfundzwanzig Dollar, und dafür war sie nur bei sieben Männern gewesen. Meistens mußte sie „es“ bis zu zwanzig mal über sich ergehen lassen, bis endlich die Morgensonne mit ihrem goldenen Glanz die letzten Touristen aus den Straßen vertrieb. Ein letzter Blick zum menschenleeren Hoteleingang beendete ihre lange Nacht, und leise schlüpfte sie unter ihre Wolldecke. Zum Waschen war es noch zu früh, sie hätte sonst die kleinen Schwestern aufgeweckt.

Und so drückte sie ihr Gesichtchen fest an die alte Strohmatratze, damit sie beim Einschlafen den Spermageruch nicht wahrnhm, der an ihr haftete.

- - -

Grunzend schlägt Ralf die Augen auf. Sofort wandelt sich sein animalisches Morgengrinsen in sanftes Lächeln, als ihm die letzte Nacht im Hotelzimmer durch den Kopf schießt. Da war er gerade mal fünf Minuten aus dem Hotel gelaufen, und schon hatte ein zierlich, weibliches: "Hey Mister, du ju wonna fack wis mie" eine heiße Nacht versprochen.

Eine junge Frau mit knackigen Brüsten hatte ihn vom Hotel aus verfolgt und angesprochen. Wie zur Begrüßung hatte sie ihre Brüste entblößt, und nachdem Ralf einmal kräftig geknetet hatte, wußte er: „Du bist mein Engel heute nacht!“ Sofort wurde man sich handelseinig: zehn Dollar. Wow, war die geil! Zwei Stunden lang hatte sie Ralfs Ständer bearbeitet, und dann nahm er sie in allen möglichen Stellungen.

Nachdem er, wie in seinen Pornofilmen, sein Sperma in ihrem Gesicht entladen hatte, zahlte er und warf sie aus dem Zimmer. Ein tiefer, befriedigter Schlaf ließ ihn vergessen, daß schon heute nacht sein Flugzeug nach Frankfurt gehen sollte.

Scheiße! Fort ist das Lächeln aus seinem schlafverklebten Gesicht, und Ralf nimmt sich vor, bevor er zum Flughafen muß, noch mal so eine kleine Schlampe aufzureißen. Immerhin ist es das letzte Mal, bis zum nächsten Sommer.

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Wieder hat Whu Ki den ganzen Tag die Hausarbeit erledigt, und als der Abend dämmert, schlüpft sie frisch gebadet in ihr Kleidchen, bindet sich einen Zopf und steckt sich ein rosarotes Schleifchen in das schwarz-glänzende Haar. Das hatte sie vor Monaten von einem Amerikaner geschenkt bekommen, Joe hieß er, und er war sehr nett. Nicht so einer von den schlimmen Männern und gar nicht mal so dick wie fast alle, mit denen sie Liebe machen mußte.

Nachdem Whu Ki's Freundin, die bereits einige Zeit zu den Männern ging, ihr von dem amerikanischen Geld erzählt hatte, für das sie ihrer Familie viele Lebensmittel kaufen konnte, hatte sie es selbst einmal versuchen wollen. Keine fünf Minuten hatte sie damals mit ihren zehn Jahren neben dem großen Hoteleingang gestanden, und schon nahm sie ein Mann, der eine fremde Sprache redete, mit auf sein Zimmer.

Da sie nur wenig Ahnung hatte, was sie mit den Männern tun mußte, um Geld zu verdienen, hatte ihr der Mann alles gezeigt. Eigentlich war es fast jedesmal das gleiche, nur einige verhielten sich ganz böse und taten ihr sehr weh.

Viele Männer rochen nach Schweiß, und einige wollten, daß sie alles herunterschluckte, was aus ihrem Penis spritzte. Aber den Ekel überwand sie schnell, wenn sie sich vorstellte, daß Vater sterben müßte, wenn sie die Medizin nicht mehr kaufen konnten. Mutter hatte einmal gesagt, daß das, was sie mit den Männern tun mußte, eigentlich Ehepaare miteinander tun und sehr viel Freude dabei empfinden.

Da hatte sie beschlossen, sich niemals im Leben zu verlieben. Wie kann eine Ehefrau so etwas ertragen, wenn ihr Mann solche Dinge tut? Viele Männer waren damit zufrieden, wenn sie es ihnen mit der Hand machte. Sie schaute dann einfach weg und dachte an etwas anderes. Nur wenn sie es mit dem Mund tun sollte, wurde ihr immer übel, und nachdem sie ihr Geld genommen und aus dem Zimmer gerannt war, mußte sie sich meistens übergeben.

Andere Männer versuchten in sie einzudringen, und dabei hatte sie dann furchtbare Schmerzen, aber die durfte sie nicht zeigen, weil sie dann kein Geld bekam. Wenn es nicht klappte, wurden viele Männer darüber wütend, und am Ende machte sie es dann doch wieder mit der Hand oder mit dem Mund. Whu Ki hatte überhaupt keine Vorstellung, warum sich Männer so verhalten und warum sie Besonderes dabei fühlen.

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Heute Abend steht sie nun wieder am Hotel und lächelt jedem Mann entgegen, der alleine durch die Straßen läuft.

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Der rote Lederkoffer steht gepackt neben der Zimmertür. In drei Stunden sitzt Ralf im Flugzeug nach Frankfurt. Fast ist er wütend darauf, wieder nach Hause fliegen zu müssen, aber noch hat er ja ein letztes Abenteuer vor sich. „Jetzt wird‘s aber Zeit“, brabbelt er leise vor sich hin und fährt mit dem Lift bis ins Hotelfoyer, das er eilig verläßt. „Immerhin kommt das Taxi schon in zwei Stunden.“

Links neben dem Hoteleingang sieht Ralf wieder dieses kleine, niedliche Mädchen mit der rosa Schleife im Haar. Schon vor zwei Wochen, kurz nach seiner Ankunft, hatte er sie hier stehen sehen. „Die ist doch höchstens vierzehn, und Titten hat die auch noch nicht“, war es ihm durch den Kopf gegangen, aber heute und unter diesen Umständen spürt er sogar eine heftige Erregung bei dem Gedanken an so ein junges Ding. Ein Schritt in ihre Richtung, und schon lächelt sie ihm entgegen.

"Mister, du ju..." ‚ wispert ein zartes Stimmchen, und ohne sie ausreden zu lassen zerrt Ralf sie in eine Häuserecke und faßt zwischen ihre Beine, wobei eine wohlige Wärme sein Blut brodein läßt. „Komm mit“, befiehlt er und schleppt sie schnell ins Hotel, in den Lift und steht gleich darauf mit ihr in seinem Zimmer. Mit einer eindeutigen Geste, bedeutet er ihr, daß sie „ihn“ raus- holen soll, und sie folgt aufs Wort. Sekunden später ist sein Penis in ihrem kleinen Mund verschwunden. Mit ruckartigen Bewegungen schiebt Ralf sein Becken vor und zurück, und nicht ohne Stolz bemerkt er stöhnend, daß die Kleine an seinem Riesenständer fast erstickt.

Da sie einen so kleinen Mund hat, spürt er allerdings jeden Zahn, und das bringt ihn in Wut. Fester und fester drückt seine starke Hand an ihrem Kinn, damit sie den Mund weiter aufmacht, aber durch ihr plötzlich einsetzendes Gewimmer beißt sie noch mehr zu. Ein stechender Schmerz läßt ihn zusammenfahren, und wütend fliegt seine geballte Faust an ihr Ohr. Tränenüberströmt bricht die Kleine zusammen.

Während sie gekrümmt wie ein Engerling am Boden liegt, stellt sich Ralf auf das Kleidchen und zieht mit einer Hand am anderen Ende, so daß es in zwei Hälften zerreißt. Den Schlüpfer fetzt er ihr mit Leichtigkeit vom Unterleib und wirft sie anschließend auf das Bett. Der Anblick der ängstlichen Kleinen und die spärliche Behaarung zwischen den dünnen Beinchen machen ihn nur noch geiler. Ralf spuckt in seine Hand und reibt seinen Penis mit der Spucke ein, um damit besser in sie eindringen zu können.

Den schrillen Aufschrei des Mädchens unterbindet er, indem er ihren Mund zuhält, und langsam beginnt er sich zu bewegen. Das Mädchen krümmt sich, kann ihm aber nicht entkommen, da er mit seinem ganzen Körpergewicht auf ihr liegt. „Scheiße, die ist ja knochentrocken!“ flucht er in sich hinein und zieht „ihn“ schmerzvoll wieder raus.

Zornig und ungeduldig sieht er ihr Blut auf dem Bettbezug, will aber endlich zu Ende kommen. Fest umklammert er ihre kleine Hand und hilft nach. Als er zum Spritzen bereit ist, merkt er, daß sie wohl ohnmächtig geworden ist. So spürt sie nichts mehr davon, daß Ralf sein Sperma in ihrem Gesicht entlädt und dabei die Augen verdreht wie eine Sau beim Schlachten.

Weder spürt sie, daß er den Koffer in die Hand nimmt und das Zimmer verläßt, noch bemerkt sie das Servicemädchen, das sie vier Stunden später im eigenen Blute liegend im Hotelzimmer Nr. 405 findet.

Spürt sie die Scham der Mutter, das Elend, die Leere in ihrem Herzen, als sie den kleinen Holzsarg im lehmigen, thailändischen Boden verschwinden sieht?

Spürt sie den ersten Sonnenstrahl am Morgen nach ihrer Beerdigung, der goldglänzend den lockeren Erdhügel streichelt, unter dem sie für immer unbeachtet von der Wohlstandswelt und erlöst von ihren Kinderqualen ruhen wird?

Der gleiche Sonnenstrahl, den hoch über den Wolken Asiens der deutsche Kleinstadtjunge Ralf durch das Flugzeugfenster sieht, während er mit süßem Lächeln und in sehnsüchtiger Erinnerung leise vor sich hin spricht: „Ich komme wieder, Thailand!“

M.O.

Donnergrollend spuckt mir das Loch eine dumpfe Klangwolke entgegen.

Jenes schwarze Loch, das mit eben diesen stampfenden Geräuschen tagtäglich unzählige Menschengestalten in sich verschlingt oder auskotzt wie unverdaute Nahrung aus Blechbehältern.

U-Bahn-Station Berlin-Birkenstraße.

Gollernd schaufelt sich der Triebwagen der letzten Nachtbahn durch den Tunnel gleich einer Geisterlore in einem ebenso geisterhaften Bergwerkstollen. Lauer, nach Schmiere und sich im Gewühl reibenden Menschenmassen stinkender Fahrtwind streift meine nachtmüden Augen, die sich schützend schließen.

Das saugende Geräusch der sich öffnenden Türen verliert sich im Donnern der in die Station einbrechenden Gegenlinie auf dem benachbarten Gleis. Meine Kneipenlichtverwöhnten Pupillen versagen mir im ersten Moment den Dienst, als ich die Lichtflut eines völlig leeren Wagens betrete. Der geübte Griff zur nächstbesten Haltestange verhindert den drohenden Sturz beim plötzlichen Anrucken des Zuges.

„Hoppla“, kichert mir eine knabenhafte Stimme zu. Ich zucke erst einmal gehörig zusammen und schaue mich vergeblich nach dem Rufer um. Nichts. Leer. „Ich höre Stimmen“, durchfährt es meinen bierschweren Schädel. „Vielleicht fängt es so an, wenn man ...“

„Hie-ier!“ weist mir die Stimme eine Richtung, und ich staune nicht schlecht, als ich direkt neben der Waggontür einen unvorstellbar kleinen und komisch gekleideten Winzling entdecke. Burschikos kichernd lehnt der Gnom lässig an der Rückseite der letzten Sitzbank und zwinkert mir aus kleinen, grünen Äugelein zu. Einen Zwerg von solcher Winzigkeit habe ich noch nie gesehen, und im ersten Moment glaube ich an eine Fata Morgana. Sein etwa kartoffelgroßes Gesicht hat die Farbe einer Blutorange, das ganze Männlein mißt vielleicht nicht mehr als dreißig bis fünfunddreißig Zentimeter.

Knallrote Stiefelchen, eine zitronengelbe Leinenhose und ein Jäckchen aus grobem, popelgrünem Stoff dienen ihm als Kleidung. Fast muß ich laut los- lachen. Aber schon im nächsten Augenblick ist der Zwerg verschwunden, und mein Blick ruht starr auf dem Fleck, auf dem er gerade noch gestanden hatte.

„Jetzt bin ich blöde“, muß ich mir eingestehen und male mir in Sekundenschnelle meinen Lebensabend in einer festungsähnlichen Irrenanstalt aus: Zwischen den arzneigedopten Mahlzeiten wird man mich für den Rest meines erbärmlichen Lebens in einer Gummizelle ans Bett fesseln, mit Elektroschocks meine Reflexe testen, und nach Schweiß und sonstwas stinkende, uralte Krankenschwesterschabracken lachen sich ‘nen Ast über meine Gespräche mit dubiosen Zwergengestalten.

Ein heftiges Zupfen am linken Hosenbein reißt mich jäh aus meiner Horrorvision. Beinahe erleichtert, vernehme ich in aller Deutlichkeit die Stimme des kleinen Mannes, als er mich fragt: „Würde es dir etwas ausmachen, mich auf diese Bank zu heben?“ und deutet auf den Sitz, der ihm vorher als Rücken- lehne diente.

„Ich selbst bin zu klein, um hinauf zu klettern und von hier unten sehe ich dich so schlecht.“ Vor Überraschung gelähmt, stehe ich da. Wie vom Blitz getroffen, jeder Handlung unfähig, glotze ich blöd an mir herunter, mitten in ein orange-rotes Gesicht, das mich erwartungsvoll mustert. „Wer bist denn DUUUUU?!“ entfährt es meinen Stimmbändern, als hätte diesen Satz nicht ich selbst gesagt, und irgendwie habe ich sogar das Gefühl, daß ich zum Reden nicht einmal den Mund geöffnet hatte.

Wie hypnotisiert reiche ich meine Hand herunter. Schwungvoll besteigt der Zwerg das Vehikel, setzt sich bequem auf den Handballen und baumelt belustigt mit den Beinchen. Nachdem ich ihn am gewünschten Platz abgesetzt habe, blinzelt er mir geheimnisvoll zu und flüstert vielbedeutend: „Ich bin ein Engel!“ Beinahe muß ich wieder loslachen, da färbt sich sein Gesicht plötzlich dunkelrot, und fast zischend fährt er mich an: „Ich wünsche, ernst genommen zu werden! Du hast keinen Grund, mich auszulachen. Es würde mir nicht im Traum einfallen, über deine Kleider zu spotten.“

Ertappt! Als könnte der kleine Mann meine Gedanken lesen. Ich erschrecke. Da fällt mir zum ersten Mal sein Haar auf. In der Aufregung der letzten Minuten hatte ich weniger einen Blick für meinen nächtlichen Gesprächspartner als Überraschung und ein wenig Beklemmung vor der Situation gehabt.

„Gold!“, ja — seine winzigen Löckchen funkeln wie glänzendes Goldlametta und umrahmen das knabenhafte Gesichtchen wie ein Schleier aus warmem Licht.

„Entschuldige, aber ich habe mir einen Engel wirklich etwas anders vorgestellt ... ich ... meine ... Ah ... na ja, so was wie du, wohnt doch meistens im Wald, oder?“ Meine Unbeholfenheit läßt mich erst mal haufenweise dummes Zeug erzählen. Unterdessen senkt der Zwerg, als sei er plötzlich ganz traurig geworden, sein Goldköpfchen und brabbelt etwas Unverständliches vor sich her.

Irgendwie tut mir der kleine Mann leid, und ich beschließe, ihn ernst zu nehmen. „Ich heiße ‚Mo‘!“ Wie zur Versöhnung streckt er mir sein winziges Händchen entgegen und erklärt: „Es ist kein Zufall, daß wir uns heute, hier treffen.“ „So?“ entgegne ich verwundert und biete ihm zaghaft meinen kleinen Finger. „Martin. Freut mich, dich zu treffen. Aber sag, hast du nicht den falschen Mann? Ich meine, ich hatte eigentlich noch nie Glück im Leben und einen Schutzengel schon gar nicht.“

Mo dreht sich spielerisch um seine eigene Achse, macht eine ausladende Geste mit seinen winzigen Ärmchen und antwortet bedächtig: „Genau das ist der Grund, Martin. Ich bin gekommen, um dich auf etwas aufmerksam zu machen.“ „Wie meinst du das?“ Ich verstehe nur Bahnhof. „Weißt du, Kerle wie du, die sich ihr ganzes Leben nur mißverstanden, unbeachtet und betrogen von der Welt fühlen, haben etwas ganz entscheidendes nicht begriffen.“ „Und was wäre das?“

Fast schon verletzt es meinen Stolz, was der Gnom mir um halb vier Uhr morgens in einer gähnend leeren U-Bahn an den Kopf wirft. „Die zwei Ziele!“

Spricht‘s und beginnt mit gewichtiger Miene meine Reaktion auszuloten, als stünde er vor einer wichtigen Entscheidung. Schließlich rümpft er seine Knollennase und setzt zu einem Spaziergang auf der Sitziläche der U-Bahnbank an. Die irrwitzig kleinen Hände hinter dem Rücken verschränkt, einen Fuß vor den anderen setzend, entfernt er sich von mir, als nehme er plötzlich seine Umgebung gar nicht mehr wahr.

All das macht auf mich den Eindruck eines routinierten Rechtsanwalts, der sich auf sein stichhaltiges Plädoyer vorbereitet, indem er das hohe Gericht erst einmal mit unverhohlener Ignoranz ungeduldig macht. Plötzlich schaut er mir über seine linke Schulter mit überraschender Eindringlichkeit direkt in die Augen und sagt unerwartet laut, als wäre ich hundert Meter entfernt: „Die wenigsten Menschen erkennen den Sinn. Zeitlebens irren sie umher und suchen vergeblich so etwas wie Ruhe und Befriedigung zu finden. Die meisten warten gar immer nur, daß sich einige ihrer Träume erfüllen mögen, und wenn einiges davon zufällig klappt, nennen sie das ‚glücklich sein‘.

Einige von euch sind sogar blöde genug, dem ‚Glück‘ ein wenig nachhelfen zu wollen, indem sie sich vollständig dem Dienst der Gesellschaft unterwerfen. Der ‚Lohn‘ dafür ist in jedem Warenhaus zu besichtigen, wie einfältig ihr doch seid!“

Das sagt er mit übertriebener Abscheu, was allerdings eine gewisse Wirkung bei mir hinterläßt. „Dabei ist der Weg so einfach!“ unterbricht Mo seinen Monolog. Bei den letzten Worten hatte er sich ganz umgedreht und macht nun einen mächtigen Schritt auf mich zu. Der bedrohliche Effekt dieser Bewegung kommt mir mehr als absurd vor, und ich schreibe eine gewisse Aufregung dem eben Gesagten zu. Mo's goldene Häärchen scheinen nun etwas an Glanz zu verlieren, und auch die lustigen, grünen Augen ziehen sich in angestrengte Falten.

„Bewußt dafür zu leben, Dingen zu entsagen, die dem persönlichen Wohl entgegenstehen, das ist das eine Ziel.“ Das schmettert er mir einfach so entgegen. „Das zweite folgt daraus: Man setze sich mit seinem Leben dafür ein, seine Ideale zu verfechten. Nur wer darüber die Angst vor dem Tod verliert, lebt wahrhaft große Sittlichkeit!“

Als hätten ihn diese Sätze über Gebühr entkräftet, wendet er sich erneut ab und scheint eine Reaktion von mir zu erwarten. Nun, die letzten Minuten hatten so einiges an Konzentration von mir abverlangt. Man wird nicht jeden Tag von einem Zwergenengel über den Sinn des Lebens belehrt. Ohne lange über Mo's Sätze nachzudenken, entgegne ich gelassener, als ich mich fühle: „Wer schafft das schon?“

Da dreht er sich ruckartig auf den Fersen um und läuft schnaubend vor Wut auf mich zu. Haßerfüllte Blicke treffen und erschrecken mich. Irgendwie steigt die Lufttemperatur im Waggon um ein paar Grad. Sollte er etwa die Macht haben „Du! Du bist es, der es schafft!“ brüllt er mich kreischend an. Vor Schreck gelähmt und ungläubig dreinblickend, frage ich etwas lauter, weil aufgebracht: „Wie meinst du das? Sprich doch in Gottes Namen nicht immer in Rätseln!“ Da senkt er den Kopf, wirkt ganz bedächtig und flüstert, nein, röchelt leise: „Nein, nicht in Seinem Namen!“

Und nach einer kurzen Pause etwas deutlicher: „Also gut. Ich will dir helfen zu verstehen, obgleich es zu spät für dich ist!“ Jetzt begreife ich gar nichts mehr.

„Was soll denn das Theater?“ schießt es mir durch den Kopf, und ich fange mir dabei ein hämisches Grinsen meines unheimlichen Gesprächspartners ein. „Klar doch, er kann meine Gedanken lesen.“ Irgendwie ist mir das zu blöd, aber seltsam genug, um mich so sehr zu fesseln, daß ich inzwischen schon drei Stationen zu weit gefahren bin. „Was meinst du?“

Aggressiv durch das Versteckspiel, dränge ich auf Klarheit. Mo räuspert sich kurz und blickt mich von unten her wie ein Polizist beim Ausfüllen des Strafzettels an.

„Du schaffst es! Immer wieder. Ich mußte dich täuschen, Martin, ich mußte vorgeben ein anderer zu sein, um dich sicher zu haben. Du hast es immer wieder geschafft. Weil du dazu bestimmt bist, weil du gar nicht anders kannst, und jetzt ist es an der Zeit, deine Schuld einzulösen. Du hast es geschafft bei Julia, bei Simone und bei Claudia. Du schaffst es am Tag, in der Nacht, beim Einkaufen und im Schwimmbad. Du hast es immer wieder geschafft, Spaß daran zu finden, dich dabei auszugleichen, ‚es‘ zu brauchen und darin deine uralten Wurzeln zu finden.

Nein, die zwei Ziele sind dir nicht fremd. Du mußt nicht lernen, damit umzugehen. Wie im Guten, so im Bösen, man kann es drehen und wenden, wie man will. Nur über die Sittlichkeit deiner Taten läßt sich streiten. Immerhin warst du ihr schärfster Widersacher. Du hast deine Aufgabe gut erfüllt.“

Zosch! Wie ein heftiger Schlag ins Gesicht treffen mich diese Sätze. Er weiß alles. Woher? Warum? Was will er nur von mir? Nackte Angst schüttelt mich. „Im Alter von fünfzehn Jahren fing alles an, nicht wahr? Elsa war ein schönes Kind, fürwahr.“ Pause.

Beinahe verliere ich die Gewalt über mich. Woher kann er davon wissen? Eine schreckliche Vision packt mich, aber schon erzählt er weiter: „Eines Abends, deine Eltern waren erst am Vortag in den Urlaub gefahren, trafst du Elsa in der Diskothek am Marienplatz. Schon jahrelang hattest du ein Auge auf sie geworfen, wie man so sagt. Aber alle Versuche, ihre Gunst zu gewinnen, endeten in der Lächerlichkeit deiner unterentwickelten Persönlichkeit.

Elsa war mit engen, knackigen Jeans und einem knappen T-Shirt bekleidet, noch nie war sie so schön wie an diesem Abend ...“ „Hör auf!“ unterbreche ich ihn barsch. „Was willst du von mir?“

Meine innere Unruhe und die Angst verrate ich durch ein heftiges Zittern in der Stimme. Schnell erhebt Mo gebieterisch seine Hand, was mich sofort verstummen läßt. Zu groß ist inzwischen meine Verzweiflung, ich ahne, was folgen mag. Leise, aber streng und ungemein überlegen fügt er hinzu: „Meinst du nicht auch, daß Elsa auf der Stelle davongelaufen wäre, hätte sie auch nur eine Ahnung davon gehabt, was sich Stunden später im Keller eures Hauses abspielen sollte?“

„Hör auf!“ brülle ich schmerzvoll, und diesmal trifft mich ein Blick unbeschreiblichen Hasses. Eiskalte Wasserfälle ergießen sich über meinen Rücken, aber Mo läßt mir keine Sekunde Zeit: „Ich weiß alles, Martin. Ich weiß von Elsa, von Simone, von Claudia, von der kleinen Kathrin — sie war nicht einmal neun Jahre alt. Und du hast es jedesmal geschafft.

Jedesmal war es ein Erlebnis besonderen Genusses für dich, NEIN — betrogen hast du dich selbst niemals. Du hast deine Triebe, dein gesamtes bestialisches Innenleben stets unverblümt auf deine Außenwelt übertragen. Das ist dein Erbe, ich mache dir keinen Vorwurf. Aber es ist an der Zeit, daß du erfährst wer du bist.“ Stille.

Ein unaufhaltsam näherrückender Ohnmachtsdruck erschleicht sich von meiner Magengegend her einen magmaheißen Weg bis in meinen Hals, der mir sofort erstarrt. Meine Augen beginnen zu brennen, und machtlos, einem kleinen, lächerlichen Winzling ausgeliefert, der zu nächtlicher Stunde Gericht über mich hält, starre ich in die Leere vergangener Tage.

Der Zwerg nähert sich unaufhaltsam wie die Bilder, die seine mittlerweile mehr als bedrohlichen Sätze in mein Gedächtnis rufen. Längst unfähig, mich in irgendeiner Form zu wehren, zu türmen oder gar um mich zu schlagen, starre ich in schmerzzerrissene Mädchengesichter. Das schutzlose Fleisch zwischen samtweichen Mädchenbeinen, entsetzt-ohnmächtige Blicke all der bekannten Gesichter, wenn ich, im Lustrausch verloren, in die Blutwärme eintauchte.

Immer und immer wieder erlebe ich diese Augenblicke voll geiler Gier, nasser Lust und warmen Gestanks aufgerissener Leiber. Mo berichtet jedes Detail, jedes meiner kranken Gefühle ist ihm bekannt, aber Voll Entsetzen bemerke ich, daß er den Mund nicht bewegt, kein Wort redet, und doch vernehme ich die Geschichte eines Monsters, eines barbarischen Henkers mit seinen Worten, aber nicht durch ihn gesprochen.

Die Geschichte von über vierzig jungen Frauen und kleinen Mädchen, die Geschichte eines wilden Tieres — meine Geschichte!

Die Schmerzen sind inzwischen unerträglich geworden, ich habe das Gefühl, bei lebendigem Leibe zerrissen zu werden. Mo hält inne. Todesstille, absolute Leere und unglaubliche Erschöpfung. Wie im Traum nehme ich wahr, was passiert, entkräftet, verzweifelt und starr vor Entsetzen. Der Zwerg hat sich verändert. Sein goldenes Haar sprüht feurige Funken, die grünen Augen scheinen mich in tausend Stücke schneiden zu können, und erst jetzt bemerke ich die unmenschlich große Hitze im Waggon.

Es müssen siebzig oder achtzig Grad sein, der Schweiß läuft mir in Strömen herunter. Vornübergebeugt beglotzt mich der nun gräßlich häßliche Gnom und knattert mir entgegen: „Du hast es immer so gewollt. Du hast es aus purer Lust getan. Martin, und du weißt das.“

Als wäre ihm etwas ganz Wichtiges eingefallen, dreht er sich um und läuft davon. Am anderen Ende des Waggons sieht er zurück und lacht markerschütternd laut und schrill „Ich mußte mich verstellen, um dich zu kriegen. Du hast die Grenze erreicht, deine Aufgabe ist vollbracht, und nun, mein Lieber, habe ich eine besondere Überraschung für dich.“

Ich bin auf alles gefaßt. „Mein Name ist nämlich nicht wirklich Mo. Das heißt: nicht nur. Vielmehr ist das eine Abkürzung!“ Plötzlich durchfährt mich ein heftiger Blitz aus seinen Laseraugen. Seine Hände glühen weiß und richten sich auf mich. Kaum eine Zehntelsekunde vergeht, gleißendes Licht blendet mich total, und in Bruchteilen eines winzigen Augenblickes trifft mich ein Schlag von solch unvorstellbarer Gewalt, daß ich sicher bin, nie wieder aufzustehen.

Die Wucht des Aufpralls scheint mich zu zerschmettern, dann weicht alles von mir. Irgendwann komme ich zu Bewußtsein. Alles ist anders. Alles!

Zunächst fehlt mir jede Erklärung für dieses Gefühl, doch langsam lichten sich die Nebel. Plötzlich ist alle Last von mir genommen. Jedes Gewicht, jeder Gedanke, jede Idee verliert sich im NICHTS, von dem ich nicht weiß, ob ich es verstehe.

Alles, was ich meine zu sein, ich selbst und alles Gewesene füllt den U-Bahn-Waggon aus. Meine leblose Hülle liegt am Boden, Verbranntes Fleisch raucht knisternd vor sich hin, ich bin gestorben! Aber wie kommt es, daß ich alles so deutlich wahrnehme? Ich bin in diesem Waggon, überall in ihm und habe das Gefühl, mich beim Aussteigen in alle Winde zu verströmen. Panische Angst übermannt mich, ich drehe mich immer schneller werdend um mich selbst und habe Angst, Angst und Angst.

Bei mir sind all die blutenden, stinkenden Leichen meiner kindlichen Opfer, und es scheint, als wollten sie mich unter sich begraben. Gesichter und Stimmen. Schreie und qualvolle Blicke reißen an mir, als wollten sie mich erdrücken. Plötzlich entdecke ich etwas außerhalb des Wagens. Ich kann nicht sagen, wie ich sehe. Augenlos, hirnlos.

Ich sehe deutlich und dreidimensional, oder besser: Ich nehme es wahr. Mit welchen Sinnen auch immer. Ohne Körper bin ich in diesem Raum. Unbeschränkt, und was ich erblicke, versetzt mir den nächsten Stoß unvorstellbaren Ausmaßes.

Kaum wage ich es zu glauben: Ein riesiges Gebilde schwebt da im Raum außerhalb des Waggons! Überdimensional, gigantisch und angsteinflößend. Planetenähnlich, ganz so wie der Saturn, beringt und unvorstellbar schön.

Ich glaube zu träumen. Pures Entsetzen, blindmachende Verzweiflung herrschen über mich. Erst jetzt bemerke ich, daß der Zwerg verschwunden ist. Plötzlich höre ich seine Stimme, gewaltig, donnernd und alles übertönend: „Du hast es geschafft, Martin! Du bist wieder daheim!“

„Wie ist dein Name?“ höre ich einen Schrei von brachialer Gewalt von mir ausgehen.

„Keinen Augenblick habe ich gezweifelt, daß du deine Aufgaben erfüllen wirst.“ dröhnt es zurück, ohne daß meine Frage beantwortet worden wäre.

„Wie heißt du?“ brülle ich nochmals.

Die schreckliche Ahnung will mich zerstören, aber wieder antwortet er nicht. Da sehe ich plötzlich eine riesige Flamme, kilometerhoch, aus dem Nichts unter mir emporschießen. Gleich darauf noch eine, und dann steht alles in Flammen, oder ... nein, es sind Mo's Haare, sie brennen lichterloh und haben das Ausmaß dieses riesigen Planeten vor mir.

Von unten her taucht sein Gesicht auf und sein Körper, alles von gigantischer Größe. Seine grasgrünen Augen blicken mich direkt an, sein feuerrotes Gesicht waben ädrig, wie Lava kurt vor dem Ausbruch. Seine Stimme klingt wie berstender Stein: „Auch dein Name ist nicht der richtige!“ grollt es von überallher.

„Willkommen daheim, Kain!“

„Wie heißt du?!“

Ich bin außer mir. Nur noch in der Lage, alles zerstörend zu brüllen, immer wieder dieselbe Frage: „Was heißt ‚Mo‘? Wer bist du?... BITTE!“

Urknalldonnerndes Lachen dröhnt überall. Die Blicke des Zwergenmonsters peitschen mein tiefstes Inneres in unsäglichen Qualen, die Mädchenleichen um mich herum und in mir scheinen hämisch-zornig zu lachen.

Mo's Antwort nimmt mir jeden Sinn, jedes Wort und trifft meine Ahnung mit vollendeter Härte: „Man nennt mich: MEPHISTOPHELES!“

Randnotiz in der Berliner Abendzeitung vom 12. Juli 1992: ...wurde die Leiche des 25jährigen Martin S. gefunden. Schwere Verbrennungen bis hin zu Verkohlungen an manchen Körperpartien stellen die Polizei vor ein Rätsel, zumal der U-Bahn-Waggon keinerlei Brandspuren oder Hitzeauswirkungen aufweist. Der Leichnam erweckt den Eindruck, als hätte er sich von innen her selbst entzündet.

Ein Polizeisprecher bestätigte, daß Martin S. mit einer Serie brutaler Vergewaltigungsverbrechen und Verstümmelungen von mindestens elf Mädchen und Frauen im Alter zwischen acht und neunzehn Jahren in Verbindung gebracht wird. Selbstjustiz als Racheakt eines der Opfer kann nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen nicht ausgeschlossen werden ..“

Am Rande einer DPA Meldung


l7jähriger wollte echten Krieg spielen

BAD REICHENHALL (dpa). ‚Aus Langeweile“ schlug sich ein l7jähriger aus Brandenburg nach Angaben der Polizei bis nach Kroatien durch, wo er sich um Aufnahme in die Armee bewarb. Dort abgelehnt, versuchte er es — ebenfalls vergeblich — in Bosnien. Dann ging ihm das Geld aus, woraufhin er sich bei der deutschen Botschaft in Zagreb meldete. Einen dort erhaltenen Betrag investierte er jedoch nicht in die Heimfahrt sondern versuchte sich in Bosnien bei Söldnern zu verdingen. Erst als dieser Versuch gescheitert war, trieb es ihn wieder heim.

1992, irgendwo in Mitteleuropa, dort wo die Bananen-Subkultur reihenweise jämmerliche Gesellschaftstrottel in die Spur schickt, das güldene Zunftzeichen prestigeträchtiger Leistungsbolzerei nach allen Winden zu schwenken.

Dort, wo ganze Armeen funktionierender Versager ihren Dienst tun, immer noch etwas mehr von der Kacke anzuhäufen, an der eh schon jeder zweite erstickt ist.

Dort, wo sich (hätte er das nicht längst schon hinter sich) Al Capone im Größenrausch gegoldmordet und Sokrates zu Tode gesoffen oder vor den erstbesten Bus geschmissen hätte.

Dort packt plötzlich ein netter Junge von nebenan, ein Durchschnittsschüler, ein Sproß der Wohlstandsgesellschaft mit beschränkter Haltung, ein Luxuserbe mit arischen Vorfahren seine „Signal“Zahncreme, einen Jogginganzug und Proviant für drei Tage in eine „Hertie“-Tüte, um da eben mal zu gucken, wie denn das so ist — in so ‘nem Krieg.

Und keiner hat‘s gewußt.
Und keiner hat‘s gemerkt!

Ich möchte diesen Jungen an dieser Stelle „Eduard“ taufen.
„Eduard“ ist ein guter Name. In jeder Völkersprache unkompliziert aussprechbar, kurz, prägnant und deutsch. Seine Söldnerkollegen würden ohnehin schnellstmöglich dem Kürzel „Ed“ verfallen. Der Einfachheit halber. Schließlich gibt‘s ja in so einem Krieg Wichtigeres zu tun. Man ist ja nicht zum Vergnügen dort...!

Nicht?

Und Ed? Hat sich denn ein Dreikäsehoch von gerade mal siebzehn Jahren nicht verdammt noch mal um seine Pubertätspickel und seinen viel zu zeitigen Samenerguß bei den ersten heißen Spielen mit den Dorfschönen zu kümmern?

Hockt ein naiver Grünschnabel vom Lande nicht normalerweise stundenlang vorm Computerspiel und blättert heimlich unter der Bettdecke in Pornoheften?

Ist es für einen jugendlichen Leichtfuß nicht eine besondere Freude, jeden dritten Tag die Schule zu schwänzen, um in der nähergelegenen Stadt viel lieber tonnenweise fettige Hamburgers in sich hineinzustopfen und in stickigen Kneipen lauwarmes Bier aus Pappbechern hinterzukippen (wenn das die Alten wüßten)?

Nicht so bei Ed. Endlich konnte er die Schule verlassen, nachdem er halbherzig seinen Abschluß erquält hatte. Dem Vater zuliebe oder weil er irgendwie nicht den Mut hatte, alles hinzuwerfen.

Nach der Wende in Ostdeutschland, die ohnehin nichts als Frust gebracht hatte, fühlten sich die Jungs in seinem Dorf mehr denn je von der Welt vergessen. Die Alten hatten auch keine Ideen mehr, nachdem die Krawattenheinis aus dem Westen sämtliche Fabriken in der Gegend dicht gemacht hatten, und mit den spärlichen Arbeitslosengelden war so manche Familie ins soziale Abseits gestellt worden. Taschengeld bekam Eddi nun auch nicht mehr.

Im Nachbardorf hatte sich ein Familienvater unlängst den Strick genommen, weil er die Schulden nicht mehr zahlen konnte.

Irgendwann rafften sich die Jungs auf, um „denen da oben“ mal so richtig zu zeigen, wo‘s lang geht. Während deutsche Familien in den Wahnsinn getrieben wurden, schob man den Asylanten alles hinten und vorne rein.

„Nichts dagegen, aber erst, wenn es dem eigenen Volk wieder gutgeht“, hatte sich Ed immer gedacht. Nun, da sich die Lage zuspitzte und die hohen Politiker nur ihre Diätenerhöhung und den lächerlichen Regierungsumzug für ein paar Milliarden Mark Steuergelder im Kopf hatten, hieß es zu handeln.

Was würde von der Welt mehr beachtet, als ein kleiner Überfall auf ein Asylantenheim? Spontan, während einer Samstagabendsaufrunde entschlossen sich die Jungs, endlich was für die Aufmerksamkeit der Welt zu tun. Man warf ein paar Flaschen durch Fensterscheiben, hinter denen hin und wieder ein „Ajatollah“ ängstlich hervorblickte, und grölte alte Lieder, die man in Büchern vom Dachboden der Großeltern fand.

Auf die Dauer bekam es Eddi allerdings mit seinem Gewissen zu tun, und aus seiner Clique war inzwischen ein Haufen dummer Schwätzer und primitiver Randalierer geworden. Also war es wieder nichts mit der großen Revolution, die damals 1989 so lebhaft in seinen Adern pochte, als er mit seinen Kumpels nach Leipzig gereist war, um „den Kampf“ zu kämpfen.

Mehr als 300 Kilometer waren sie mit dem Zug gefahren, um dabeizusein. Das Revolutionsfieber fegte alle Ängste hinweg, und ein paar Tage lang hatte Ed wirklich geglaubt, die von ihnen losgetretene Lawine würde die ganze Welt erfassen, alles würde jetzt besser werden.

„Statt dessen haben uns die Bonzen von vorne bis hinten verarscht, das Blaue vom Himmel versprochen und Chaos statt Freiheit gebracht.“ So grübelte er vor sich hin, was er wohl aus seinem Leben machen könnte.

Seine Versuche, in der näheren Umgebung einen geeigneten Job zu finden, scheiterten an seinem nicht gerade überwältigenden Schulabschluß, und die ganze Konsumscheiße kotzte ihn sowieso schon lange an. „Warum muß man überhaupt sein ganzes Leben lang buckeln wie ein Gaul, wenn sich sowieso niemand um einen kümmert?“

Zu DDR-Zeiten war das alles noch ganz anders. Jeder hatte einen mehr oder weniger gut bezahlten Job, mit der Kohle konnte man sowieso nicht viel anfangen, aber wenigstens hatten sie immer ihren Spaß gehabt. Klar, die Freiheit und so, aber was hatten sie jetzt alle gewonnen? „Ohne Geld gibt‘s noch viel weniger Freiheit, und die Leute ziehen nur noch ‘ne Schnauze oder schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein.“ Und dieses Anbiedern an Chefs und sonstige Konsorten, um sich ein paar Vorteile zu erschleichen, das wollte Eddi schon lieber gar nicht anfangen.

Er verstand wirklich die Welt nicht mehr und sehnte sich nach fernen Ländern, nach einem Mädchen, das ihn auch ohne Porsche nimmt, nach Kumpels, mit denen man auch mal vernünftig reden konnte, und nach Leben.

Irgendwann hielt es Eddi nicht mehr aus und fand Gefallen an dem Gedanken, etwas ganz anderes zu tun. Er wollte nicht mehr länger untätig rumsitzen, es mußte was passieren, und so kam er auf die Idee, „da unten“ mal ein bißchen mitzumischen. Einfach so. Hier verstand ihn sowieso keiner.

„Da kannste verrecken“, hatte sein Vater immer wieder gebrüllt, als sie ihm den Job genommen hatten. Also packte Eddi seine drei Klamotten zusammen und boxte sich bis an die jugoslawische Grenze durch. Unterwegs hatte er viel gesehen, und seit er von zu Hause weggegangen war, waren schon vier Tage vergangen.

Eigentlich hatte er ja vorgehabt, auf der kroatischen Seite mitzumachen, aber in Österreich war er mit einem jungen Briten zusammengetroffen, der ihm glaubhaft versichert hatte, daß man bei den Serben mehr verdienen könne, wenn man sich der richtigen Gruppe anschlösse.

In Serbien angelangt, traf Ed gleich hinter der Grenze auf einen Militärkonvoi. Doch selbst auf inständiges Flehen, ihn zu ihrem Kommandanten zu bringen, reagierten die Soldaten eher mürrisch und ablehnend, manche sogar haßerfüllt. Auch andere Versuche, eine kämpfende Truppe zu finden, der er sich an- schließen konnte, mißlangen, und immer wieder schlugen ihm Argwohn und unverhohlener Haß entgegen.

So schlug er sich nach Kroatien durch und konnte auch dort keine Kämpfer finden, die ihn hätten mitkämpfen lassen. Trotzdem wollte Ed nicht wieder nach Hause zurück, wo ihm arrogante, vor Geld stinkende Krawattenwessis über den Weg laufen würden und die Leute in seinem Dorf so langsam dem endgültigen Verfall preisgegeben wurden.

Nachdem er kreuz und quer getrampt war, verschwand sogar der letzte Anflug der Angst, die er bei Antritt seines Abenteuers empfunden hatte. Ein paar ausgebrannte Häuser, defekte Militärlaster am Straßenrand und umherpilgernde Söldner aus aller Herren Länder waren alles, was er bisher gesehen hatte. „Also so schlimm kann die ganze Sache ja gar nicht sein.“ Außerdem war er ja Deutscher, na, wenn das nichts ist!

Seltsamerweise war aber von den Einheimischen kein Mensch froh über seine Anwesenheit, im Gegenteil. In dem kroatischen Dorf, wo er erst mal ein paar Tage oder Wochen bleiben wollte, nachdem sich erste Ermüdungserscheinungen ankündigten, traf er immer wieder auf unverhüllte Ablehnung durch die Bewohner.

Eines Morgens schlenderte Eddi über den alten Marktplatz. Da hielt neben ihm plötzlich ein PKW, dem vier junge Männer entstiegen. Gleich begannen sie ein Rempelei und brüllten dabei so was wie: „Faschist, go home!“ Die Situation wurde so bedrohlich, daß Eddi, mehr aus Angst. weit ausholte und einen der beiden aggressivsten Burschen mit voller Wucht ins Gesicht schlug.

Möglicherweise hatte er ihm die Nase gebrochen, aber das konnte er nur erahnen. Denn im Davonlaufen nahm er nur noch das aufgeregte Geschrei der zusammengelaufenen Passanten wahr.

In der darauffolgenden Nacht, Eddi hatte sich auf dem verlassenen Bauernhof, der ihm als Unterschlupf diente, in der Scheune verkrochen, wurde er durch lautes Poltern und barsche Rufe geweckt. Als er schlaftrunken und desorientiert auf den
Bauernhof hinausblickte, gefror ihm das Blut in den Adern.

Da standen Dutzende wutentbrannter und grölender Männer und Frauen mit Fackeln, und sie waren bis an die Zähne bewaffnet. Blinder Zorn schlug Ed entgegen. Hilflos dem bevorstehenden Sturm ausgesetzt, packte ihn Panik, zum flüchten war es zu spät. Mit weit aufgerissenen Augen sah er die erste Fackel auf sich zufliegen, während ein paar Männer in seine Richtung stürmten. Die Menge brüllte einen ihm vertrauten Satz, und als der zwanzigste und einundzwanzigste Schlag nur noch auf Eddis seelenleere Hülle niederprasselten, war weithin im kroatischen Dorf der bestialische Schlachtruf der in Rage prügelnden Männer und der beifallspendenden Menge zu vernehmen: „Ausländer raus!“

An meinen früheren Verleger

Das gönne ich Dir nicht, C!

In letzter Sekunde hat sie Dich eingeholt, Deine Courage, die sich hinkend auf einem Hasenfuß mit Augenklappe aus Selbstsucht und Ohrenschützern aus kleinkarierter Schlafmützigkeit an Dich heranschlich und Dir ihre an den Haaren herbeigezogenen Zweifel ins ehemals so wache Ohr rülpste.

Anfang 1992 war‘s noch relativ ruhig, das ist wahr. Aber hätte Dein „antifaschistisches Verständnis“, sofern Du es Dir nicht hast operativ entfernen lassen (was zwar gegen Deine lange hochgehaltene Auffassung von Moral und Würde spricht, aber dennoch der einzig nachvollziehbare Schluß wäre), nicht ein wenig mehr Mut verdient, als Du Dir — angesichts der lächerlichen Argumente dafür, in meinen Texten „herumzuvorsichteln“ — abgerungen hast?

Warst nicht Du es, der hinsichtlich einer grauenvollen Vision, die nur ein halbes Jahr später begann furchtbare Realität zu werden, nichts als politische Abhängigkeitsfloskeln zum Schutz Deiner geschäftlichen Interessen ins Feld führte?

Warst nicht Du es, der aufgeregt-schamvoll gestikulierte und mir vorwarf, ich hätte das Maß des klaren Wortes für erfundene Übertreibung verloren? Diese „erfundenen Horrorvisionen“, lieber C., haben inzwischen mehr Menschen in diesem Lande das Leben gekostet als die fanatischen Hinrichtungsaktionen der RAF in zwanzig Jahren.

Tausende und Abertausende sind in Angst und Schrecken versetzt. Sorgsam ausradierte Holocausterinnerungen wirken inzwischen wie ein Abbild der Gegenwart. In verschiedenen Stadtteilen mancher Metropolen herrscht Krieg zwischen rechtsextremistischen und linksradikalen Alleingelassenen, den Erben konsumbesessener Profitgeier und ignoranter Selbstdarsteller.

Inzwischen werden amerikanische Rockstars, schweizer Touristen und deutsche Schüler mit türkischen Eltern an den Türen deutscher Diskotheken abgewiesen. Sie wollen wieder unter ihresgleichen sein, ungestört von der restlichen Welt, zu der sie sich wieder mal nicht zählen.

Deutsches Blut ist in den Köpfen Zehntausender blinder Fanatiker wieder reiner geworden. Nur ein halbes Jahr nachdem Du mit kleinlauter Bestimmtheit über meinen Kopf hinweg entschieden hast, Deine zahlungskräftige rechtskonservative Kundschaft Deiner vielleicht niemals vorhanden gewesenen Standhaftigkeit vorzuziehen, brach das Monster unbeachtet von allen, die sich so blind und klein machen lassen wie Du, aus dem Gebüsch und begrub unter sich, was Du angesichts solcher Käuflichkeit bedauerlicherweise scheinbar verlernt hast.

So gönne ich‘s Dir dann doch!

Nicht von Herzen und nicht aus der Seele. Aber die Vorstellung genügt, alle vom Rassenhaß Geplagten, hätten einen Teil ihres unermeßlichen Leids solchen saftlosen Gestalten wie Dir zu verdanken. Vielleicht, ziemlich sicher sogar hätten die letzten beiden von Dir gestrichenen Worte die Steinewerfer und die Randalierer nicht aufgehalten. Vielleicht aber hätten sich durch die direkte Konfrontation und die scheinbar übertriebene Weissagung doch einige Wankende von der Notwendigkeit des Handelns überzeugen lassen.

Du hast dieses Loch in der schützenden Mauer aus Menschlichkeit und Toleranz genauso mitvergrößert wie all die beifallspendenden Ekelpakete in Rostock und Hoyerswerda.

Vielleicht gab es noch mehr Gründe, mein Buch einem anderen Verlag anzuvertrauen. Aber dieser Grund war mir der wichtigste, daß man mich brüllen läßt, wie ich es muß, angesichts so vieler Stummer und Dummer, die dermaleinst dafür verantwortlich sein werden, daß aus dieser, von unseren Kindern geborgten Welt die schrecklichste aller düsteren Visionen erwächst: Das Vierte Reich!

Vorwort (von Jörg Reinhardt, Liedermacher und Schriftsteller, Berlin-Wedding)

Es hat sich nichts geändert. Immer noch pünktlich um 0.22 Uhr hält der letzte Zug auf Gleis 1. Immer noch kann man dem Ober in der Bahnhofskneipe dann einen schönen Feierabend wünschen und froh sein, wenn man eine Dose Bier im Gepäck hat. Immer noch steht um diese Zeit kein Taxi auf dem Bahnhofsvorplatz, und immer noch denkt man „Provinz!“ und versucht dabei so gelassen wie möglich auszusehen, wenn man in Richtung Ortsmitte marschiert, um in einer von drei Pensionen das bestellte Zimmer zu beziehen, wohl wissend, daß die Tür zugesperrt ist und eine übelgelaunte Pensionsinhaberin das einzige Empfangskomitee sein wird.

Auf dem Marktplatz angekommen, entscheide ich mich für eine Rast und setze mich auf den Rand des Stadtbrunnens, dessen Wasserspiel immer noch pünktlich um 22 Uhr abgestellt wird. Plötzlich taucht rechts von mir eine betrunkene Fee auf (Feen kommen sonst von vorne, nur betrunkene erscheinen, wenn man es am wenigsten erwartet, von rechts), blickt kurz auf und lallt so etwas wie: "Du hast einen Wunsch frei!", beugt sich kurz über den Brunnenrand, macht deutliche Anstalten, sich zu übergeben, überlegt sich das und torkelt, leise vor sich hin grummelnd, weiter in Richtung McDonald's.

Ich wünsche mir ein Bier, es klappt nicht. Ich wünsche mir ein Taxi, klappt auch nicht. Na ja, betrunkene Feen eben!

Ich will gerade aufstehen und weitergehen, als mein Blick auf das Rathaus fällt. Das Fenster vom Sitzungssaal ist hell erleuchtet und meine Neugier geweckt. Ich wünschte, man könnte erfahren, was es hier um diese Zeit so Wichtiges zu bereden gibt, daß man...

Ich weiß nicht, ob es "Peng!" gemacht hat, aber ich finde mich in einer Ecke des Sitzungssaals wieder. Eine illustre Gesellschaft ist in eine leidenschaftliche Diskussion verwickelt. Vor leeren Kaffeetassen sitzen unser Bürgermeister, der Apotheker, der Schuldirektor — beides langjährige Stadtratmitglieder —. der Pfarrer und ein etwas jüngerer, nervöser Mann, den ich noch nie gesehen habe.

"Es wird sich nun mal nicht vermeiden lassen, daß der Name unserer Stadt mit dem des Autors in Verbindung gebracht wird."

Enttäuschung und tiefe Besorgnis in der Stimme des Bürgermeisters. "Wir können den Schaden nicht abwenden, wir können nur versuchen, ihn so gering wie möglich zu halten", sagt der Apotheker. "Ja, aber wie?" fragt der Pfarrer mit Märtyrerblick. Der Schuldirektor, kleine Kreuzchen auf den vor ihm liegenden Schreibblock zeichnend, erwidert: "Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, meine Herren, dieses Buch wird erscheinen, und es gibt keine Handhabe, dies zu unterbinden. Außerdem gebe ich zu bedenken, daß der Autor aus der ehemaligen DDR kommt und schon seit ein paar Jahren hier ansässig ist. Böses Blut ist vorprogrammiert. Gott im Himmel, wie der in dem einen Text mit der Kirche umgegangen ist."

Der Märtyrerblick des Pfarrers scheint zu brechen. "Kann man denn nicht über den Verlag"‚ wirft der Apotheker ein. "Der Verlag sitzt wahrscheinlich auch im Osten", schnappt der Bürgermeister. "Ich meine", der Apotheker hebt die Stimme, "was sollen denn diese überzogenen Darstellungen. Ich fahre auch gerne mal nach Thailand, aber deswegen bin ich doch kein Mörder oder Kinderschänder."

"Genau", ruft der Pfarrer, "die Jungens vom 1. FC sind auch keine Verbrecher, und Frisuren gehören zur persönlichen Freiheit eines jeden einzelnen!"

"Meine Herren!" Der Bürgermeister versucht sich in Autorität. "So kommen wir nicht weiter. Ich stimme ihnen zu, daß sich die übertriebenen Darstellungen in diesem Buch ja gerade gegen uns friedliche Bürger richten. Ich stimme ihnen auch zu, daß wir unsere eigenen kommunalen Probleme haben und nicht für Aussteiger aus der ehemaligen DDR Seelsorgefunktion übernehmen können. Wir brauchen uns auch nicht über Jugoslawien zu unterhalten, denn beim letzten Fest der Freiwilligen Feuerwehr sind immerhin 567 Mark an Spenden zusammengekommen, nein, wir haben uns sicher von so einem Radikalen nichts vorwerfen zu lassen, aber"‚ des Bürgermeisters Stimme gewinnt an Nachdruck, "wir haben den inneren Frieden unserer Gemeinde zu wahren, wir dürfen uns nicht in eine Ecke drängen lassen, in die wir nicht gehören, nur weil der Autor aus dieser Stadt kommt!"

"Könnte man nicht dem Buchhändler Weber sagen, daß er", läßt der Apotheker seine Stimme ertönen, "daß er in der Auslage mehr Wert auf den — gar nicht so schlechten — Einband legt?"

"Ausgeschlossen, aber es gibt da noch eine Möglichkeit", sagt der Schuldirektor mit leicht triumphierender Stimme und blickt zu dem nervösen jungen Mann, den ich nicht kenne, "es gibt den Weg über die Presse!"

"Gott, das Tageblatt!" unterbricht der Pfarrer die beklemmende Ruhe.

"Meine Herren!" zittert die Stimme des jungen Mannes durch den Raum. "Wir haben ein Grundgesetz, in dem ist die persönliche Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit und die Pressefreiheit verankert."

"Jetzt hören Sie mir mal zu, mein Lieber", setzt der Bürgermeister mit bestimmter Kumpelhaftigkeit an, "Sie sind noch nicht so lange hier, Sie wollen weiterkommen, was könnte da hinderlicher sein...

Jch weiß nicht, ob es "Peng!" gemacht hat, aber ich sitze wieder auf dem Rand des Stadtbrunnens. Ich schrecke auf, als rechts von mir eine betrunkene Fee auftaucht (das sind die, die normalerweise von vorne kommen), kurz aufblickt und: "Entschuldigung, hat nicht so geklappt" lallt.

"Schon gut", sag‘ ich und stehe auf, um endlich in meine Pension zu kommen. Ich schaue noch einmal kurz zum Rathaus — das Licht im Sitzungssaal brennt immer noch. Beim Gehen denke ich nur: Wer immer dieser Autor auch ist, ich wünsche ihm viel Glück!

Berlin-Wedding April 1993

Nachwort des Autors

Es gibt so vieles, was uns in diesen Tagen wütend macht: Jugoslawien, Somalia, Streibel, Jmhausen, der Papst, Stolpe, der Rüstungshaushalt, Modrow, die Gewalt an unseren Schulen. Honecker.

Honecker?
Ach so.

Wie wäre die Welt vor den Kopf geschlagen, würde dieser alte, senile, stalingeile Zausel seine hundertfünfzig DM-Millionen aus grauen DDR-Zeiten für den Aufbau Ost oder die unter seiner „Obhut“ vergammelten Altenheime hinblättern? In einer Zeit, da Hunderttausende in diesem Land wegen außer Kontrolle geratener Profitgier kleiner und riesiger Verbrecher in Bonn und anderen Wirtschaftsunternehmen wieder mal aus Blechnäpfen fressen, zieht der reichste Neuchilene hämisch grinsend seinen Sonnenhut ins Gesicht und läßt sich eben mal einen Geldkoffer in der blutverkrusteten Zürcher Bahnhofstraße zusammenpacken.

Dabei wäre doch gerade ihm zu wünschen gewesen, nach seinem jammervollen, gerechterweise drittklassigen Abtritt die letzten Jahre in eben einem solchen Schließfach zu verbringen, in das er seine untergebenen, mundtoten Clowns zu sperren pflegte, nachdem sie ihre Pflicht und Schuldigkeit am sozialistischen Vaterland abgeleistet hatten. Wäre das nicht eine Freude, Herr Mielke, Euch heuchlerische, aalglatte Saubande einfach in so einem Loch in Vergessenheit geraten zu lassen?

Honecker?
Nie gehört.

„Alles nicht so tragisch!“ hört man da ewig schlaftrunkene Trittbrettfahrer in wohlstandschwelgender Wonne säuseln. Klar, woanders in der Welt gibt‘s die gleichen schrägen Vögel wie bei uns, von der Stange. Während sich der deutsche Otto Normalverarsehte am laufenden Band in den eigens dafür zur Verfügung gestellten Allerwertesten treten läßt, verschachern russische KGB-Generäle im neuen Gewand und mit Hitlerfoto in der dollarschweren Brieftasche Atomsprengköpfe an die einstigen Klassenfeinde und kemspaltbares Rindfleisch zu Jahresrenten an Väterchen Frust und andere unterernährte Sklaven ewig tagender und märchenhaft ausgiebig tafelnder (nie gewählter) Volksvertreter.

Muslimische und kroatische Frauen, die täglich Dutzende Male von stinkenden und zum Erbrechen dämlichen Kriegsfanatikem auf Befehl vergewaltigt werden, stehen einer wahren Armee von jungen Mädchen und Frauen gegenüber, die für Devisen oder andere Verlockungen der „modernen Welt“ auch den Blauhelmsoldaten an den Abenden ihrer wenig nützlichen Einsatztage ihre Körper verkaufen, als trügen sie drei Kilo Leberwurst zum Wochenmarkt. Der sklerotische Wunschheilige aus Polen mit den Verdauungsstörungen, die die Analmediziner der Fachwelt vor immer neue Rätsel stellen, erklärt in einem Atemzug Steuerhinterziehung und die Benutzung von Kondomen zur Sünde, währenddessen er vor bevölkerungsexplodierten und an Immunschwäche jämmerlich krepierenden Pilgerscharen in der vierten Welt seine kathonanistischen Ergüsse predigt.

Ganz zu schweigen von der haarsträubenden Aussage, die vergewaltigten Frauen des jugoslawischen Krieges würden sich des Mordes schuldig machen für den Fall, sie würden die in ihre schutzlosen Leiber hineinonanierten Kinder nicht austragen. Angesichts derartig brachialer Ignoranz muß man sich mittlerweile allen Ernstes die Frage stellen, ob man über die senile Viel- und Fehlsprachigkeit seiner Eminenz nicht eine lebenslängliche Nachrichtensperre verhängen sollte. Nicht zuletzt müßte man sich obendrein noch bis zur Bewußtlosigkeit darüber aufregen, daß Giftgasexperten aus unserem friedlichen „Reich der Mittel“ ungeschoren an der nahöstlichen Apokalypse basteln, wohingegen jeder arbeitslose Fahrradfahrer, der ohne Beleuchtung in der Abenddämmerung von einem pflichtbewußten Jungpolizisten „gestellt“ wird, mit mindestens zehn Mark das Staatssäckel zu füllen hat.

Wobei die Statistik meint, daß wiederum von diesen heuchlerischen Charakterstümpern, die tonnenweise Giftmüll auf unseren Gewässern hin und her schippern, nicht ein einziger zur Kasse gebeten wird. Womit wir wieder vor unserer eigenen Haustür angelangt wären, und wo kehrt es sich besser, als dort, wo die Dreckstellen hinreichend bekannt sind?

Soll heißen: Vieles macht uns wütend in diesen Tagen.

Aber um die große Ohnmacht der Zivilisation zu vermeiden, kommt uns allen, mit unseren Mitteln (die unter Weltmassstab betrachtet gar märchenhafte sind) eine besondere Verantwortung zu. Die kleinen und großen Verbrecher unserer Zeit zur Richtbank zu führen, Gewalt mit offener Ablehnung (und nicht etwa mit Gegengewalt) zu begegnen, wacht Sinne und große Herzen sowohl für die Stümpereien wie auch für die gemeinschaftlichen wertvollen Taten zu investieren, das sind einige der Wege zu einer Welt, in der weniger mehr sein kann.

Die Randalierer, die Steinewerfer, die Enttäuschten der Gesellschaft, die aufsässigen Autonomen und die blutarmen Sektenverehrer haben ebenso gewaltige Gründe für ihre Entwicklung wie der Dozent in der hoffnungslos überfüllten Uni, die Sekretärin im Innenministerium, der Taxifahrer im Rotlichtviertel und der Banker, dem sein haibseidener Aufzug Tag um Tag zum Himmel stinkt. Belügen wir uns doch nicht ständig selbst und vor allem: nicht gegenseitig.

Verachtenswert ist nur, wer aus Verachtung handelt. Und selbst dem ist beizukommen. Mit einer weithin deutlichen Sichtbarkeit der Masse unserer Lichter, der ein jeder sein eigenes Licht hinzufügen kann. Insofern sollten wir endlich beginnen, unsere inneren Lichter zu Ketten zusammenzufügen. Der weise Lao Tse umschrieb das etwa so:

„Der Erwachte ist nicht bei sich,

er ist bei Allen.

Gleich zu Guten und Unguten
wirkt er ausgleichend.

Er lebt beschlossen im Vielen,
aufgetan dem Einen.

So treiben die Herzen ihm zu
wie zur nährenden Mutter.“

Zum Thema Deutschland wird dieser Tage in aller Welt viel polemisiert und vorgetragen. Konstruktiv allerdings kann nur die Tat derer sein, die an dieser Geschichte unmittelbar beteiligt sind, die sie selbst tragen. Ich persönlich halte es da mit Wolf Biermann, der während eines Konzerts gegen Ausländerfeindlichkeit und Gewalt sagte:

„Nein, wir sind nicht die Größten! Aber wir sind auch nicht die Kleinsten. Wir sind nicht größer und nicht kleiner als jeder andere Mensch auf der Welt!“

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Das Herz von Jupiters Garten Eden war bereit, eine neue Seele zu empfangen. Alfred glitt durch die warme, rote Welt. Er verließ das kalte Eis des Mondes.

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Aber dann sah er seine vier Gefährten aus der anderen Welt. Sie hingen nackt an schwarzen Pfählen.

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Schwarz wie die Nacht. Böse Kurzgeschichten von Michael Gick

Böse Kurzgeschichten - dieser Titel ist Programm. In elf Stories spielt der Autor perfekt mit den Erwartungen des Lesers, setzt ihn pausenlos auf falsche Fährten, um ihn schließlich mit einer überraschenden, aber dennoch plausiblen Auflösung zu konfrontieren. Dabei stellt sich jedes Mal ein Aha-Erlebnis der besonderen Art ein. Die Geschichten lassen sich teils dem Krimi-, teils dem Mystery-Genre zuordnen und gleiten aller Düsternis zum Trotz nie in platten, vordergründigen Horror ab. Die klare, schnörkellose Sprache trägt ihr übriges zum Lesegenuss bei. Mir hat die Lektüre richtig Spaß gemacht.

Schwarz wie die Nacht. Böse Kurzgeschichten