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Das Gestein, das kalte

Tropfensprühend peitscht der Wind die graue Asche auf dem spiegelblanken Asphalt hin und her. Wolkenzerfetzt sausen Böen durch das skelettierte Geäst der Spätherbstbäume im nahen Park.

Auf dessen Teich toben viele kleine Unwetter, vertreiben jede Ahnung lustig schnäbelnder Ententanten und spasskreischender Knirpse beim Jagdspiel mit den Spatzen am graskräuseligen Ufer. Wild fegt Laub in‘s trübe Bild urzeitlicher Gewalten. Blitze zucken in der Ferne, die sich dunkel jeder Fernungsschätzung entzieht und böse grollend in der Nacht verschwinden will.

Noch gleissen Lichtbalken gegen die Spiegelhaut der Asphaltwege, Autos hinter sich herschleppend wie störrische Esel auf Glatteis. Noch kann das Frühabendgrau dieses Regentages die Kleinstadtkonturen nicht wegwaschen, nicht verschlucken.

Entstresst liegen sich verwaiste Gehwege gegenüber, wartend auf die nächtliche Stille und die Aussicht, sich ein paar Stunden lang wirklich ungestört gegenseitig anschweigen zu können. Dachantennen zittern ängstlich den Blitzen entgegen, irgendwo rutscht ein Ziegel selbstmörderisch über die Regenrinne in luftiger Höhe, um mit hellem Klang nach kurzer Trauerstille sein gehwegsplitterndes Ende zu vollziehen.

20 Minuten vor Ladenschluss eilt ein um sein vielleicht fünfjähriges Töchterchen besorgter Vater regenschützend um den Stamm einer sich grimmig rekelnden Vorgarteneiche. Die Kleine, bemüht dem Vatertempo standzuhalten, muss schon beinahe rennen. Kopfduckend scheinen die flinken Füsschen und die goldgelben, feuchten Löckchen dem knallroten Regenmäntelchen davonlaufen zu wollen.

An der nächsten Strassenecke bleiben beide stehen und blicken die Strasse hinunter und wieder hinauf, um sie dann autofrei und pfütze-patschend zu überqueren. Eine überraschend leichte Tür springt fast hüpfend ins Haus, um zuerst die Kleine und träge Sekunden später den beleibten Vater zu verschlucken.
Glockenklingelnd schliesst sich die Tür von innen, eine warme Frauenstimme wiegt das Mädchen durch die kindlich, geheimnisvolle Unordnung kunterbunter Spielsachenberge in uralten, holzwurmtickenden Regalen. Der Vater schmiert sich unschlüssig um die Ladentheke, nichts von seiner Ungeduld verraten wollend.

Ein seltsam gequetschtes Lächeln schleicht sich über sein Gesicht, als das Mädchen puppeschlenkernd aus einer Wühlecke krabbelt. Selbstvergessen legt sie das Spielzeug mit dem Gesicht nach unten auf den Ladentisch, der Vater schiebt den regennassen Mantel über den Geschäftsbauch und zahlt mit einem grossen Schein.

Fast scheint es, als wolle er sich dafür entschuldigen. Da reisst die Kleine die Puppe am Bein vom Tisch und stürzt wie wild aus dem Geschäft, zitternd läuft ihr der Vater hinterher. Stumm nebeneinanderher laufend gräbt sie ihre Stupsnase in eine Regenmantelfalte, hat riesige, angsterfüllte Augen und sieht immer und immer wieder dieses eklige Ding vor sich.

Vaters röchelnde Worte schneiden ihren Kopf in tausend Stücke: “Fass richtig an und rubble schneller...schneller...schneller. Und dann sieht sie seine Zunge aus dem taschen Mund fallen und seine Augen krankhaft rollen und das Ding ist ganz gross und ganz heiss und... Warum, Warum?!

Sie weiss es nicht und fühlt nichts und hat einfach nur Angst und Ekel und...
springt 2 Tage später aus dem 13. Stockwerk aus dem Fenster mit dem Kopf voraus in die Tiefe, aufs Gestein, das kalte...