thie.me | Jens Thieme views and discussions

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"Wucht der Sprache"

Badische Zeitung 24.04.1992

Die beste Beschreibung der Freiheit ist die Beschreibung der Zelle", notiert Uwe-Jens Thieme in seinem Debüt-Band "Kopfgeburt" — er weiß, wovon er spricht. Sechzehn Monate hat der Leipziger, Jahrgang 1965, in Gefängnissen der ehemaligen DDR verbracht, ehe es ihn per Freikauf und über diverse Zwischenstationen ins Dreiländereck verschlug.


Jetzt wohnt er in lnzlingen, arbeitet als Informatiker in Basel und schreibt. Das tat er auch schon "drüben", schon lange und mit Erfolg bei Wettbewerben "Kopfgeburt" ist das erste Buch, das Thieme herausgebracht hat (in Zusammenarbeit übrigens mit dem Lörracher Ulf Simon, dessen Grafiken etwas mehr Platz gut getan hätte), und es erfüllt ihn mit soviel Schwung, daß er weitere bereits plant.
 
Zum ersten Mal konnte ein größeres Publikum jetzt auch bei einer Lesung dabeisein, im "Podium", in schummriger, verrauchter Atmosphäre, mit Musikeinlagen. Thieme selbst ging auf Distanz zu seinen Texten, hatte mit dem Rundfunkmoderator Rüdiger Nöthlichs eine professionelle Stimme für die Lesung gewonnen.Nöthlichs las korrekt, gut ein bißchen zu glatt allerdings für diese gar nicht coolen Texte.
 
In Zukunft will Thieme sich selbst vors Publikum wagen — sicher ein Gewinn, wenn man zu dieser sehr persönlichen Literatur den Autor vor sich hat. Ein paar wenige der Gedichte und kurzen Prosastücke stammen noch aus der Haft spiegeln die Knastsituation.
 
Einige von den gelungensten Texten befassen sich mit der Heimatstadt Leipzig, "die stadt, die meine ganze liebe hat" — doch zurückkehren will er nicht, "Denn lieber in der fremde zu leiden/ ... /vielleicht ohne heimatgefühl anstatt/beiwohnend dem tod seiner stadt/ ...
 
Das Leipzig von heute ist nicht mehr das, was er verlassen hat da will er lieber nach Berlin in zwei, dreijahren. Vorerst ist Thieme äußerst dankbar für die enormen Möglichkeiten, die ihm die Grenzecke bot, Hier habe er zum Beispiel erfahren, was Europa ist.
 
"Ich habe hier jede Chance gehabt", sagt der junge Autor, und er hat sie genützt.
Was er jetzt beruflich macht hat er sich selbst angeeignet, und er verdient damit das Geld, seinen Traum zu erfüllen — Bücher herauszubringen, die seine Gedanken weitertragen.
 
Das sind oft finstere Gedanken und harsche Kritik an der Oberflächlichkeit der Menschen hier, die es so gut haben und, das ist die Beobachtung Thiemes, fürs menschliche Miteinander keine Zeit finden. Mit seinen Gedichten will Thieme die Menschen "erschrecken", sogar "schockieren", auf daß sie etwas tun zum Besseren, von dem er konkrete Vorstellungen hat und formuliert (etwa in dem Text "dann").
 
Kinder tauchen immer wieder auf, wenn es darum geht, einen Ausdruck für (bedrohte) Unschuld und Unmittelbarkeit zu finden.
 
Thieme ist voller Hoffnung in die Wirkung seiner Arbeiten — das weist ihn aus als einen, der in der DDR aufgewachsen ist, wo Literatur vielleicht noch mehr bewirkte als hier. Thieme braucht Leser, die sich Zeit nehmen, sich auf die Texte einzulassen, die sich die Mühe machen, sie zu ergründen, die hinnehmen, daß einen manches ratlos läßt und anderes unausgegoren wirkt, Bilder schief sind. Thieme schreibt mit einer sprachlichen Wucht, die einen schier erschlägt, aber auch spüren läßt, daß da einer wirklich um den angemessenen Ausdruck seiner Gefühle und Gedanken ringt. 
 
Wenn Uwe-Jens Thieme dranbleibt, sich nicht desillusionieren läßt und sich selbst Zeit gibt wird er sich weiterentwickeln. Es ist ihm zu wünschen, daß er Leser findet, die ihn dabei kritisch unterstützen.