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Aborigines auf Besuch

Plötzlich werde ich von dem Gefühl erfasst, dass sich unbeschreibbar hartnäckig deiner physischen Kontrollfähigkeit bemächtigt, wenn in völliger Einsamkeit überraschend ein deutliches Wort an Dich gerichtet wird.

Doch ist es diesmal weniger erschreckend als damals, als ich 13-jährig schrecklich peinlich von meiner Schwester ertappt wurde, als ich meine ersten eigenkörperlichen Experimente durchführte. Grunzendes Schnauben, weniger animalisch, als vielmehr beinahe schon musikalisch, erfüllt den Raum in meinem Rücken warm-gespenstisch und dennoch überraschend friedlich. Obgleich mich prickelnde Nackengänsehaut schier lähmen will, finde ich den Mut (oder die Angst) mich abrupt umzudrehen.

Der Tagesschausprecher entschuldigt gerade eben mal den Splitterbombeneinsatz in einer nahöstlichen Wohnsiedlung (über die Zahl der Opfer konnten von offizieller Seite bislang noch keine Angaben gemacht werden). Wie in die Mitte meines ca. 15 qm grossen Raumes modelliert, erheben sich zwei glänzend braunhäutige Gestalten selten dokumentierter Busch-Bewohner. Der Altere von beiden hält eine auffallend dünne Lanze in der rauhen Hand.

Überraschenderweise wird diese an sich bedrohliche Situation durch die Körperhaltung aufgelöst, die er einnimmt. Fast scheint es so, als ob der Alte dies Gerät als Esswerkzeug vorzüglicher Speisen benutze, so demütig graziös hält er es zwischen den Fingern. Nasenflügel, wie Eierbecher so gross, fliegen durch die Nikotinluft meiner stickigen Kammer, wobei ich nicht sagen könnte, woran mich diese tiefschwarzen Augen über der dicken, weich faltigen Nase erinnern. (Robbenbabies!...schiesst es mir durch den Kopf).

Da macht der Jüngere von beiden (ein gertenschlanker Jüngling mit ebendiesen Nüstern und etwas verwirrten Augen) einen ungemein gazellenhaften Satz auf den Teppich vorleger, den mir Mathilde damals unters Kreuz geschoben hatte, als ich mit Ed- di versuchte den alten Diesel-Benz wieder in Gang zu setzen, nachdem wir in ein stocksteif gefrorenes, andalusisches Feld gebrettert waren.

Malu, so heisst der Alte, wie er mir mit weit ausladender Geste beteuert, fordert mich auf, den Fernseher leise zu stellen; er müsse mal eben mit mir reden. Sein Sohn, wie ich aus dem Gespräch erfahre, nickt irgendwann auf dem Teppichläufer ein und bewegt sich sachte wiegend zum Takt seines schlafdumpfen Röchelns.

Warum ich wohl solche Geschichten schreibe, will der Alte wissen, und ob ich auch so einen grossen Kasten mit runden Beinen habe, wie all die blassen Gestalten in den grossen Steindörfern und steht dabei die ganze Zeit im Zimmer rum, dreht zaghaft (beinahe schon zärtlich) die Lanze zwischen den knochigen Fingern und schaut mich an, als erwarte er erst gar keine Antwort.

Von seinen Leuten erzählt er nicht viel, dafür fragt er mich Löcher in den Bauch, will Sachen wissen, über die ich im Leben noch nie nachgedacht habe. Wie denn das so geht mit den kleinen Menschen in dem Kasten (Fernseher, habe ich völlig vergeblich versucht ihm zu erklären), und wer die ganze Familie in meinem Steinzeit eigentlich ernährt, wenn er doch auf dem Weg zu mir weder Tiere, noch Pflanzen gesehen habe.

Irgendwann hole ich eine Wein flasche raus, und nach den ersten Gläsern beginnt er laut zu lachen (ich kann mich nicht erinnern, jemals weissere Zähne gesehen zu haben) und erzählt immer wieder diese Geschichte von einem, der einen Pass von ihm verlangt hat, dabei habe er doch selbst vor ihm gestanden. Für Malu muss das ein mitreissend komisches Erlebnis gewesen sein, dass da jemand einem Stück Papier mehr vertraut als seinen eigenen Augen.

Irgendwann sind wir dann total besoffen durch die verregnete Stadt gerannt, wobei sich bei meiner verrauchten Kondition ein Erschöpfungskoma rechtzeitig ankündigte. Als ich vom Strassenlärm und dem rythmischen Hämmern der nachbarlichen Heavy Metal Klänge aufgeschreckt wurde, fand ich zu meiner Uberraschung neben Mathildes Teppich vorleger einen winzigen Lendenschurz wie achtlos weggeworfen auf dem Boden liegen. Die beiden waren inzwischen längst wieder auf Känguruh-Jagd oder sonst wo unterwegs.

Mathilde rief abends an und las mir vor, was sie auf das alte Bettlaken für die Oko-Demo gekritzelt hatte, nur hatte ich überhaupt keine Lust mehr, mir bei diesem Regenwetter die Beine in den Bauch zu stehen und dem halbherzigen Gelaber der kommunalen Politiker zuzuhören, bevor diese mit ihren Staatskarossen die Autobahnen unsicher machten. Samstag morgen, als der Demonstrationszug durch unsere Strasse schwappte, fielen mir Malus Robbenbabyaugen wieder ein und seine Sätze nach dem ersten Glas Riesling:

“Wir sind Untertanen des Waldes. Was er gibt steht uns zu. Nicht mehr! Wir denken uns keine Gründe aus, ihn so oder so zu behandeln, wie ihr das tut. Wir brauchen keine langen Reden über sein Vorkommen oder über das, was er uns nicht geben will. Wir respektieren ihn, weil er der Wald ist...“