thie.me | Jens Thieme views and discussions

thie.me | Jens Thieme views and discussions

thie.me | Jens Thieme views and discussions

nebel

leise streifen sonnenfetzen
die zerrüttete seele der verendenden nacht

steigende schwaden im blassblau
das mich endlich traurig macht

im feuchtherbstlichen regenschauer
rosten wald und flur dahin

stirbt meine hoffnung wohl auf dauer
sommerträume verweht vom wind

und wie ein unvorhergesehener tod
trifft mich der wandel der natur

zauber der wälder im fürstlichen rot
in wenigen tagen kahle skelette nur

ab und zu der schleier sich noch senkt
tiefes sammeln zum entscheidenden schlag

die buche vorm haus hat ein goldenes blatt mir geschenkt
zur heimlichen erinnerung an einen novembertag

doch kein nebel der weit erstickt diesen traum
auch wenn er mich jetzt traurig stimmt

wir wissen beide ich und der baum
der nächste frühling kommt bestimmt

kopfgeburt

flieg!
flieg

hinter den bergen ganz weit am horizont deiner sonnen springen rissige felsen in tausend stücke zum mosaik abgebrannter welten

zum tag!
zum tag

keiner soll dich finden im nebel tief in chromglänzenden wellen fiebernder romantik barfuss mit der glocke am kragen

schlaf‚
schlafe ein

im sturm deiner worte brennen tausend kerzen an deinem grab versteckst deine angst hinter vorgehaltenen zitternden händen

sanft streicht der wind durch den park der psychiatrischen klinik kühlt deine zuckenden wunden vor dem letzten erstickten fluch

wie hiess doch gleich der erfinder der deutschen autobahn?

früh am morgen
im nacken noch das schwitzende bett
eine strasse wie jede andere - ein volk

kein anderes

nach zahncreme
riechende passagiere eines linienbusses
kämpfen verzweifelt um die letzten sitzplätze

bildzeitung blätternd
bourgeoises symbol einer meinungsmasturbation

kein blick fällt auf die besten strassen dieser weit
unter denen
unwiderruflich sämtliches leben ruht
real existierende materie lebendig begraben
überklebt mit einer masse die an qualität
nichts zu wünschen übrig lässt - made in germany -
oder die kunst bananen zu schälen

täglich verschwinden in deutschen landen 164 hektar ursprüngliche natur unter beton und asphalt - es lebe der weg zu allem möglichen

der urdeutsche autofahrergruss
mit klebrigem finger an braungebrannter stirn
(kein mensch würde je auf die idee kommen seine ferien in den betonschluchten einer versunkenen zivilisation zu verbringen) hat zumindest schon mal in dieser hinsicht seine berechtigung

tschernobyl danach

1000 stunden und eine danach
schweigen die wälder
weint leise der wind

der platz des grauens
liegt blutig und brach
wo noch heute die schreie zu hören sind

schmerzliche ohnmacht
lässt uns erstarren
der verhangene himmel
trauert still

kündet von angst
die wir erfahren
wo sind sie
die ich rufen will?

Solche Hände

Auf tausend Kilometer so unerreichbar und doch wirkungsvoll, in Erinnerung lebendig und doch nicht greifbar. Der Schrei nach Leben in einem DDR-Gefängnis, die Gier nach einer Zärtlichkeit, der Hass, die Angst um dies Symbol sind gleichbedeutend mit diesem Wunsch.

Ein Drang, danach zu greifen, die Wärme zu inhalieren, unendlich festzuhalten, Schutz suchend. Rissig und gut, tapfer und gezeichnet vom Ringen und Geben, diese Hände.

Die Hände meiner Mutter.

Ein Bild möchte ich zeichnen mit Worten, ein Fest veranstalten mit Gefühlen, ein Tal füllen mit Tränen, die Liebe lebendig werden lassen, keine Ruhe schöpfen.

Immer wieder, der Traum nach Geborgenheit, negiert die Angst um Einsamkeit, ein Bild wie ein Spiegel.

Das Bild dieser Hände, Ehrlichkeit und Mut - Hände lügen nicht! Können fliegen, brennen, zittern, lieben, schweben über alle Zweifel, sind Optimismus und Drang, Frieden und Kraft, sind Essen und Trinken, sind Weinen und Lachen.

Deine Hände.

Und sie sind schwer, tonnenschwer auf meiner Brust, auf meinem Leben, auf uns - niemals dazwischen!

Ach, wär ich nur im Stande, sie an mich zu reissen, festzuhalten bis...

Diese Hände, die Hände meiner Mutter.

welt in welt

verkannt
verblutet
verdorrt
doch lebend


gestossen
gequält
geduckt
stumm weinend

ausgestossen
ausgebeult
ausgeknipst
im kopfe aller

die rekeln sich
die ekeln sich
die herrschen
und beherrschen die nacht

was hat diese welt
nur aus unserer welt gemacht?

unabhängig

vorgefertigt
gedankenmuster als findelkind einer bequemlichkeit
die breiig sich, durch die masse frisst

angeekelt
vom zivilisatorischen schwachsinn geistige armut
verkrüppelt
die menschlichkeit unter menschen

gefrorenes gefühl
gesellschaftsverfilzt
denkst du soviel
wie du denken willst

die einfachste art
der mensch sich schuf
die wesentliches spart
nicht nach antwort ruft

brech ich aus
aus diesem kreis
einsamkeit ignorierend stumm

niemals gleiches um keinen preis
bleibt sonst an wahrheit nur erinnerung

selbstverwirklichung

fliegen - ach
luftlau federtreibend
immerzu und irgendwohin


träumen - ach
wellenumspült sprudeltaumel sonnelachend zeit verschwitzen

schweben - ach
mühen zu hängematten
entknüpfend - schweben

vergessen - ach
dass du gebraucht werden könntest von dem über dem du schwebst

der findet dich
plötzlich nicht mehr
an dem platz den du
auszufüllen geschworen hattest

mit hand auf‘s herz - ach
schneidet sich in deiner leere die halsschlagader durch
in nachtkalter einsamkeit!

nebenbei bemerkt

selbstvergessen
tanzen
saure
regentropfen durch bleierne lüfte

das radio
lacht
sich
selbst
aus

gelangweilt
tippt
der
redakteur seine gänsehautstories

die welt
bekotzt
sich
am
vesuv

hocherfreut
ist
der
businessman über den konkurs der konkurrenz

die
nutten
bumsen
heute
gratis

irgendwo da draussen sitzt ein toller general am roten knopf

aufbruch

masturbieren sich die gläubiger der macht an der welt empor zu luftigen höhen kracht der stratosphärenbomber durch die schallmauer perverser politikorgien im schwefeldunst der grosstadtluft verreckt ein vor sich hin stinkender bettler vor einem warenhaus am heiligen abend

kleiner vogel am ionisierenden nachthimmel des raketentestgeländes stösst eine alkohohkerin ihr baby in den abgrund einer schlucht in die auch du fallen wirst wenn du nicht zu denen gehören willst die endlich aufbrechen in die von hörigen zugeklebte realität unserer zeit

die tägliche nacht
die unsägliche macht
der brütende schein
wird morgen zum schrein
unserer geburt gegen das leid
kommt mit und schreit

erkenntnis

man kann nicht alles lieben
jede blume
jede frau
jeden tag
das himmelsblau

jeden laut
jedes kind
jedes tier
den frühlingswind

jedes Wort
jeden blick
jedes ding
jedes glück

man kann nicht alles lieben

man - nicht
aber ich

in mir

tritt ein
nackt und scheu
vergiss herkunft
wege
ziel


in mir
umarme dich ganz
ohne fragen
lügen
angst

nimm hin
güte und pein
meiner worte
küsse
rufe
nach dir

erkenne und sieh
deinen stamm
sein
sinn

dann frag
mich und dich
nach nähe
flucht
uns

schlage mir
dein erkennen in‘s
gesicht

arglos
wirklich
ganz

so tritt ein
und bleib

Der Zimmerschlüssel

Unsere bleiernen Glieder liegen ausgeglüht nebeneinander, um entspannt letzte Fingerspiele über sich ergehen zu lassen.

Müde zucken die Lider unter deinen heissen, klebrigen Lippen, die dankend und tölpelhaft unzärtlich den nahenden Schlaf küssend verzögern wollen. Deine Hand sucht wie zufällig nach dem verschollenen Bettziptel, der deine zarten Beine vor der winterlichen Kälte schützen soll, die hinter dem geöffneten Fenster deinen letzten, harten Seufzer erwartend dem Ende unserer zweisamkeitlichen Spiele harrte, um uns gleich darauf unbarmherzig zu überfallen, zu ernüchtern.

Meine Unfähigkeit zu reagieren, zwingt dich, dem kalten Schauer ein Ende zu bereiten, indem du hüpfend dem Fenster dich näherst, um es mit burschikoser Geste zuzustupsen. Dann kniest du dich vor das zerwühlte Bett, um spitzbübisch nach meiner erloschenen Lust zu tasten, küsst mich heiss und ich weiss wieder wie sehr wir uns haben.

Am nächsten Morgen bemerken wir, dass wir nicht mehr allein sind, zu uns hat sich der Hunger gesellt, der sich nach 3 Liebesnächsten und 3 durchschlafenen Tagen recht spät bemerkbar macht.

Keine so glückliche Idee, den Zimmerschlüssel des Appartements aus dem Fenster zu werfen, zumal die Vermieterin nicht vor Montag zurück sein will. Ganz abgesehen davon, dass man sich in dieser gottverlassenen Gegend nicht einmal gegen Verbrecher zur Wehr setzen könnte.

Du, allerdings, findest deinen Drang nach romantischem Abenteuer erfüllt und überfällst mich auf's Neue mit deinem unbändigen Wesen, kein Gedanke an Gegenwehr.

Am 5. Tag öffnet sich die Haustür. Beim Blick aus dem Fenster bemerke ich einen orangefarbenen Lieferwagen ohne Aufschrift. Mit dem Gedanken an Handwerker oder Monteure des Elektrizitätswerkes, lasse ich von meiner Unruhe ab und widme mich dem Verlangen, meinen brennenden Magen endlich füllen zu dürfen. Ob mein klopfen gehört wird?

Offensichtlich gehen seltsame Dinge im Hause vor und so langsam bemächtigt sich grobe Neugier meiner. Lauernd sitzen wir auf dem Bettrand, zur Tür starrend und harrend der Dinge die da kommen sollen.

Ein zärtlichtrauriger Blick verrät dein Bedauern über die Beendigung dieser himmlischen Stunden und Tage. Lange Zeit ist kein Laut zu vernehmen, bis plötzlich ein gewaltiger Schlag das ganze Haus erzittern lässt. Der Angriff richtete sich gegen unsere Zimmertür, deren Holzfüllung mit ungemein brutaler Gewalt im nächsten Moment ohrenbetäubend krachend in‘s Zimmer fliegt.

Deine grossen, angsterfüllten Augen schmerzen mich beinahe mehr, als deine Fingernägel, die meinen Arm zu durchbohren scheinen. Im nächsten Augenblick hat sich die Qualmwolke verzogen und durch die geborstene Tür treten drei Gestalten mit schweren Schutzanzügen, ein Geigerzähler knattert wie wild.

heimkehrer

wer schickte dich

was drückte dich

wie täuschtest du dein streben?

wer erblickte dich

wie rückte ich

dein frühes bild in mein leben?

sage mir: wie du gesungen hast

wie du getötet hast

wie du geschlafen hast

danach

sage mir: wie du gestört warst

wie du betört warst

auf wen du gehört hast

auf wen?

sage mir: wie du geblutet hast

wie du gestorben bist

wie du jetzt leben willst

VATER!

vater

getöntes blatt
im winde sich lösend
vom festen halt des urbaumes


in sich selbst
eine kraft
noch kämpfend
gegen den drohenden sturz


hebt ein sturm sich empor
und leise getragen
erneut in die höhe
und trotz gebannter gefahr
ständig weiter ringend um endlichen halt

zwischen himmel und erde
und bricht doch der fall
den widerstand gegen diesen versuch
soll mein kräftiger atem vom abgrund dich lenken

es gilt - teil eins

den kindern zu glauben

den glauben zu wahren

unseren nachkommen

diese weit zu ersparen

die schuldner zu finden

den krieg zu bekriegen

ein mass zu entdecken

unseren hass zu besiegen

die lüge zu vernichten

unseren platz zu suchen im weltenkreis

im zenit

in welchem???