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Stadtgarten Freiburg

Vandalismus im Park

Offener Brief and alle, die nicht nur zusehen wollen. Ein wütender Bericht über einen (fast) sportlichen Morgen im Freiburger Stadtpark.

Als Altstadtbewohner schätze ich unseren Freiburger Stadtgarten. Familien tummeln sich dort in einer überraschend idyllischen Innenstadtoase. Knirpse eifern ihren Fussballidolen nach und Brautpaare finden einzigartige Motive zwischen Blütenpracht und Wasserspiel. Für mich ist der Stadtgarten ein willkommener Ort ein paar Runden auf weichem, gepflegten Gras zu laufen, mit meinen Kindern Ballspiele und wochenendliche Gemeinsamkeit zu geniessen und mich daran zu erfreuen, dass wir in diesem Land, in dieser Stadt eine leichtfüssige Sorglosigkeit zelebrieren können deren wir uns nicht immer bewusst sind.

Mich stimmt das zuweilen verantwortlich einen Teil dazu beizutragen Schönes zu bewahren und Gelungenes zu loben. Wenn ich so beim morgendlichen Lauf durch die Stadtparkfrische die fleissigen Gärtner und andere Angestellte beobachte die unseren Stadtgarten umsorgen, greife ich schonmal eine achtlos weggeworfene Zigarrettenschachtel und befördere sie rasch in einen der reichlich platzierten Müllkübel zwischen Liegestütze und Treppenlauf. Ich bin dankbar für das idyllischste Fitnessstudio das man sich wünschen kann.

Derlei Dankbarkeit und Anerkennung fehlt offensichtlich einigen Gedankenlosen vollständig was sich am Morgen des Samstag 7. Juni darin manifestierte, dass sich der Stadtgarten im katastrophalsten Zustand präsentierte, den man sich vorstellen kann. Im gesamten Park waren buchstäblich hunderte Flaschen, Essensreste, Scherben, Bierfässer und unzähliger anderer Unrat wild verstreut. Der Anblick erinnerte an einen Neujahrsmorgen nach einer Jahrhundertparty.

Im Nieselregen war ein einzelner Mann damit beschäftigt, dem Chaos Herr zu werden. Ihm zur Hand gingen zwei vielleicht 5 bis 6 jährige Kinder, die sich ekelnd aber bienchenfleissig in die Vodka- und Bierflaschenflut, Papphaufen und McDonaldsreste stürzten um ihrem Opa zur Hand zu gehen. Die überdimensionale Schubkarre war bereits mit fast zwei Kubikmetern Unrat gefüllt.

Herr Meier, Leiter der Gartenpfleger im Stadtgarten, mit dem ich ins Gespräch kam nachdem ich meine Laufeinheit unterbrach um mit Hand anzulegen, hatte seine Enkelkinder dabei, die ihren verwahrlosten Kinderspielplatz vom Müll befreiten.

Nun kann ich als Vater von Teenage Kids nicht davon ausgehen, dass diese sich immer vorbildlich benehmen. Noch werde ich behaupten, während meiner „wilden Jahre“ immerzu gesellschaftsbewusst gefeiert zu haben. Aber 6-jährige, die an einem Samstagmorgen stundenlang ihren Kinderspielplatz säubern, 29 Hektar (jawohl, die gesamte Fläche des Stadtgartens war ein einizges Müllmeer) vermüllt wobei sämtliche Papierkörbe leer blieben (der ganze Stadtgarten ist reichlich ausgestattet damit), Glasscherben verstreut wo normalerweise hunderte Kleinkinder barfuss durch das gepflegte Gras toben – das geht gleich ein paar Meilen zu weit!

Während nun die Partyteufel am Samstagmorgen ihren Rausch ausschliefen, begutachteten hunderte morgendliche Spaziergänger oder geschäftig eilende Innenstadtbesucher die Szenerie. Kopfschüttelnd wurde da reagiert, auch viel ignoriert oder gar gestikuliert. Allein, nicht ein einziger der Passanten machte Anstalten auch nur ein Schnipselchen aus dem Weg zu räumen was mich beinahe noch mehr bestürzte als das Partyschlachtfeld als solches - im Angesicht schwitzender Kinder, die sich zwischen alkoholstinkenden Müllbergen bewegten.

Zerschellte Bierflaschen und halbleere Vodkabecher beseitigend anstatt meinem Fitnessprogramm nachzugehen, erntete ich hingegen einige strafende Blicke oder gar Bemerkungen wie „na da habt Ihr ja ne ganz schöne Sause gemacht...!“ oder „was habt Ihr denn da für ne Party gemacht?...“

Ganz toll! Nach ein paar klärenden Worten reagierte so mancher verwundert: „Ach soooo, Sie helfen.....?!“

Allein, die beiden fleissigen Bienchen, die ihren Park in diesem Zustand nicht ertragen konnten und ihr Grosspapa, der leider solcherlei Auswüchse jugendlicher Feierfreudigkeit nicht selten ertragen und beseitigen muss, schufteten weiter ohne dass sich eine andere Hand gerührt hätte.

Es ist nun müssig über Schuld oder Schuldige zu diskutieren. Als Vater und Bürger einer demokratischen Gesellschaft ist mir bewusst, dass Ordnung und Erhalt von Gut und Wohl zuweilen erzwungen werden müssen.

Was wäre nun falsch daran, in mutmasslichen Partynächten in unregelmässigen Abständen Zivilstreifen durch die beschützenswerten Parks dieser Stadt zu schicken und jede achtlos weggeworfene Bierflasche auf der Stelle entfernen zu lassen, solange bis es den Vandalen so verleidet wird sich gemeingutschädigend zu verhalten, dass sie den 3 Meter Gang zum nächsten Papierkorb selber „antreten“. Zuwiderhandlung oder Widerstand dürfte mit Ausnüchterung geahndet werden.

Was wäre problematisch daran, unseren Jugendlichen die enttäuschten Gesichter der Kinder zu zeigen, die ihren Spielplatz in einem solchen Zustand und die Wiesen des Stadtgartens auf Wochen, ob der tausenden Glassplitter, zu gefährlich zum Spielen hinterlassen? Oder ihnen wenigstens diese Zeilen hier unter die Nase zu halten (ich weiss, dass meine zwei das hier zu lesen kriegen).

Bei aller Freude, die wir in unserer schönen Stadt, in unseren fetten Leben auch erleben dürfen, wenn wir Gründe und eine Umgebung haben öffentlich Lebensfreude zu zelebrieren. Wenn das auf Kosten der Lebensfreude vieler anderer geschieht, kann man getrost von Rücksichtlosigkeit und Egoismus reden.

Und das sind keine Tugenden einer demokratischen Gesellschaft die da wären (unter anderem) gegenseitiger Respekt und Recht auf Selbstbestimmung. Dies mit Füssen treten zu lassen darf eine Demokratie sich aber nicht leisten.

Ebensowenig wie 6-jährige Kinder, die Stadtparks entmüllen oder Passanten die sich immer nur über alles untätig wundern oder sich gegenseitig zum Wegsehen motivieren.

In diesem Sinne war dieses Wochenende der Eröffnung des Freudenfestes EM 2008 ein Trauerspiel für mich.

Den Partylöwen von Freitag Nacht wünsche ich einen Schädel bis ins nächste Jahrhundert. Den Eltern dieser Rüpel ein schlechtes Gewissen und den 200-300 Spaziergängern von heute morgen ein wenig mehr Courage im Leben.

Sollte wider Erwarten einer der respektlosen Parkvermüller dieses Schreiben lesen, hätte ich noch eine Idee zu offerieren:

Wie wäre es mit einer „heimlichen“ (wenn schon feige) Gabe an die beiden Kinder die ihren Samstagmorgen mit Eurem Dreck im Nieselregen vergeudeten in Form von einer kleinen Aufmerksamkeit die man am Häuschen im Stadtgarten hinterlassen könnte...

Oder vielleicht sollten wir alle hin und wieder an all diejenigen denken, die oft im Verborgenen für unseren Müll zuständig sind, unser Wohlbefinden sichern – wie wär es mit ein wenig Dankbarkeit hin und wieder?

Es mag vielleicht reichlich überschwenglich klingen: aber vor einem solchen Hintergrund drängt sich die Mühe auf, die unzähligen Menschen aufgewendet haben aus unserem Land ein lebenswertes, sauberes, friedliches zu machen. Dafür ist so extrem viel getan worden, dass es kaum in die Geschichtsbücher passt.

Im Nichtstun gegen Respektlosigkeit und Ignoranz liegt allerdings die Gefahr, all das zu verlieren, wofür sich so viele Menschen eingesetzt haben und einsetzen. Das beginnt bei den beiden Enkeln eines Herrn Meier im Stadtgarten, bis hin zum Bürgermeister der dieses Schreiben hoffentlich mit Interesse liest.

Wie wir mit unserer Umgebung und Umwelt umgehen, entscheidet in welcher Welt unsere Kinder gross werden, welche Werte sie verkörpern werden und wie wir als Menschen beurteilt werden.