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"Kopfgeburt"
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Kopfgeburt - Jens Thieme

Jens Thieme's Gedichtband "Kopfgeburt - Mit der Glocke am Kragen" als Komplettausgabe online. Gedichtete Perspektiven. City Verlag Nürnberg 1992, Paperback.

Entries in Kurzgeschichten (5)

Monday
Jul092007

Der Zimmerschlüssel

Unsere bleiernen Glieder liegen ausgeglüht nebeneinander, um entspannt letzte Fingerspiele über sich ergehen zu lassen.

Müde zucken die Lider unter deinen heissen, klebrigen Lippen, die dankend und tölpelhaft unzärtlich den nahenden Schlaf küssend verzögern wollen. Deine Hand sucht wie zufällig nach dem verschollenen Bettziptel, der deine zarten Beine vor der winterlichen Kälte schützen soll, die hinter dem geöffneten Fenster deinen letzten, harten Seufzer erwartend dem Ende unserer zweisamkeitlichen Spiele harrte, um uns gleich darauf unbarmherzig zu überfallen, zu ernüchtern.

Meine Unfähigkeit zu reagieren, zwingt dich, dem kalten Schauer ein Ende zu bereiten, indem du hüpfend dem Fenster dich näherst, um es mit burschikoser Geste zuzustupsen. Dann kniest du dich vor das zerwühlte Bett, um spitzbübisch nach meiner erloschenen Lust zu tasten, küsst mich heiss und ich weiss wieder wie sehr wir uns haben.

Am nächsten Morgen bemerken wir, dass wir nicht mehr allein sind, zu uns hat sich der Hunger gesellt, der sich nach 3 Liebesnächsten und 3 durchschlafenen Tagen recht spät bemerkbar macht.

Keine so glückliche Idee, den Zimmerschlüssel des Appartements aus dem Fenster zu werfen, zumal die Vermieterin nicht vor Montag zurück sein will. Ganz abgesehen davon, dass man sich in dieser gottverlassenen Gegend nicht einmal gegen Verbrecher zur Wehr setzen könnte.

Du, allerdings, findest deinen Drang nach romantischem Abenteuer erfüllt und überfällst mich auf's Neue mit deinem unbändigen Wesen, kein Gedanke an Gegenwehr.

Am 5. Tag öffnet sich die Haustür. Beim Blick aus dem Fenster bemerke ich einen orangefarbenen Lieferwagen ohne Aufschrift. Mit dem Gedanken an Handwerker oder Monteure des Elektrizitätswerkes, lasse ich von meiner Unruhe ab und widme mich dem Verlangen, meinen brennenden Magen endlich füllen zu dürfen. Ob mein klopfen gehört wird?

Offensichtlich gehen seltsame Dinge im Hause vor und so langsam bemächtigt sich grobe Neugier meiner. Lauernd sitzen wir auf dem Bettrand, zur Tür starrend und harrend der Dinge die da kommen sollen.

Ein zärtlichtrauriger Blick verrät dein Bedauern über die Beendigung dieser himmlischen Stunden und Tage. Lange Zeit ist kein Laut zu vernehmen, bis plötzlich ein gewaltiger Schlag das ganze Haus erzittern lässt. Der Angriff richtete sich gegen unsere Zimmertür, deren Holzfüllung mit ungemein brutaler Gewalt im nächsten Moment ohrenbetäubend krachend in‘s Zimmer fliegt.

Deine grossen, angsterfüllten Augen schmerzen mich beinahe mehr, als deine Fingernägel, die meinen Arm zu durchbohren scheinen. Im nächsten Augenblick hat sich die Qualmwolke verzogen und durch die geborstene Tür treten drei Gestalten mit schweren Schutzanzügen, ein Geigerzähler knattert wie wild.

Wednesday
Jul042007

Das Gestein, das kalte

Tropfensprühend peitscht der Wind die graue Asche auf dem spiegelblanken Asphalt hin und her. Wolkenzerfetzt sausen Böen durch das skelettierte Geäst der Spätherbstbäume im nahen Park.

Auf dessen Teich toben viele kleine Unwetter, vertreiben jede Ahnung lustig schnäbelnder Ententanten und spasskreischender Knirpse beim Jagdspiel mit den Spatzen am graskräuseligen Ufer. Wild fegt Laub in‘s trübe Bild urzeitlicher Gewalten. Blitze zucken in der Ferne, die sich dunkel jeder Fernungsschätzung entzieht und böse grollend in der Nacht verschwinden will.

Noch gleissen Lichtbalken gegen die Spiegelhaut der Asphaltwege, Autos hinter sich herschleppend wie störrische Esel auf Glatteis. Noch kann das Frühabendgrau dieses Regentages die Kleinstadtkonturen nicht wegwaschen, nicht verschlucken.

Entstresst liegen sich verwaiste Gehwege gegenüber, wartend auf die nächtliche Stille und die Aussicht, sich ein paar Stunden lang wirklich ungestört gegenseitig anschweigen zu können. Dachantennen zittern ängstlich den Blitzen entgegen, irgendwo rutscht ein Ziegel selbstmörderisch über die Regenrinne in luftiger Höhe, um mit hellem Klang nach kurzer Trauerstille sein gehwegsplitterndes Ende zu vollziehen.

20 Minuten vor Ladenschluss eilt ein um sein vielleicht fünfjähriges Töchterchen besorgter Vater regenschützend um den Stamm einer sich grimmig rekelnden Vorgarteneiche. Die Kleine, bemüht dem Vatertempo standzuhalten, muss schon beinahe rennen. Kopfduckend scheinen die flinken Füsschen und die goldgelben, feuchten Löckchen dem knallroten Regenmäntelchen davonlaufen zu wollen.

An der nächsten Strassenecke bleiben beide stehen und blicken die Strasse hinunter und wieder hinauf, um sie dann autofrei und pfütze-patschend zu überqueren. Eine überraschend leichte Tür springt fast hüpfend ins Haus, um zuerst die Kleine und träge Sekunden später den beleibten Vater zu verschlucken.
Glockenklingelnd schliesst sich die Tür von innen, eine warme Frauenstimme wiegt das Mädchen durch die kindlich, geheimnisvolle Unordnung kunterbunter Spielsachenberge in uralten, holzwurmtickenden Regalen. Der Vater schmiert sich unschlüssig um die Ladentheke, nichts von seiner Ungeduld verraten wollend.

Ein seltsam gequetschtes Lächeln schleicht sich über sein Gesicht, als das Mädchen puppeschlenkernd aus einer Wühlecke krabbelt. Selbstvergessen legt sie das Spielzeug mit dem Gesicht nach unten auf den Ladentisch, der Vater schiebt den regennassen Mantel über den Geschäftsbauch und zahlt mit einem grossen Schein.

Fast scheint es, als wolle er sich dafür entschuldigen. Da reisst die Kleine die Puppe am Bein vom Tisch und stürzt wie wild aus dem Geschäft, zitternd läuft ihr der Vater hinterher. Stumm nebeneinanderher laufend gräbt sie ihre Stupsnase in eine Regenmantelfalte, hat riesige, angsterfüllte Augen und sieht immer und immer wieder dieses eklige Ding vor sich.

Vaters röchelnde Worte schneiden ihren Kopf in tausend Stücke: “Fass richtig an und rubble schneller...schneller...schneller. Und dann sieht sie seine Zunge aus dem taschen Mund fallen und seine Augen krankhaft rollen und das Ding ist ganz gross und ganz heiss und... Warum, Warum?!

Sie weiss es nicht und fühlt nichts und hat einfach nur Angst und Ekel und...
springt 2 Tage später aus dem 13. Stockwerk aus dem Fenster mit dem Kopf voraus in die Tiefe, aufs Gestein, das kalte...

Monday
Jul022007

Riesenschlange

Wieder sieht er sich im nebelfrierenden Nachtwald stehen. Zittern in den Händen, dieses dumpfe Lähmungszittern in allen Muskelfasern, das dich in solchen Träumen befällt, wenn der Augenblick gekommen ist, da diese Riesen gruse/schlange ihr hochhausgrosses Maul aufsperrt, um dich zu verschlingen und dir völlig unsteuerbar das Schwert aus der Hand fällt.

Einen Augenblick lang hatte er die Kraft gesammelt und geglaubt, im nächsten Moment dieses Gesicht mit einem einzigen Faustschlag zermatschen zu können. Nichts ringsumher existierte noch, nicht einmal die kriechende Kälte, die sich wie unsichtbare Dämonen durch das skelettierte Unterholzgestrüpp fortptlanzte gleich einer Epedemie frass- gieriger Heuschreckenschwärme.

Doch dann dieser Geistesblitz, aufgetaucht aus lahmgelegt geglaubten Regionen seines überwältigten Hirns. Nicht einfach, einen Menschen so mir-nichts-dir-nichts auszulöschen. Unrasiert, hautklebrig, bierschwitzend in kaltrauchiger Zimmer- luft starrt er auf die glatten Kugeln mit ebenso polierten Ziffern drauf. Lottozahlen am Samstag, freundlich-trügerisches Abbild allgemeiner Gesellschaftsgier ein jedes Individuum dorthin zu stellen, wo es im Massenstrudel zu schwimmen hat.

Wie nebenher entzündet sich das Feuerzeug fast von selbst, giersaugend warmen Rauch geschmack, der für einen Augenblick den säuerlichen Gestank im Zimmer überlagert, trocken aromatisch und entspannend würzig. Warum eigentlich hat man bei jedem ersten Zigarettenzug stets das Gefühl, niemals damit Schluss machen zu müssen?

Eine beinahe schon religiöse Fingerbewegung, nicht ungraziös und doch so nebensächlich, die Asche von der Glut abzuschnippen. Immer freudigen Erwartens, dass die freigelegte Glut ihre warme Räte ausströmt wie am Meereshorizont aufgehende Sonne nach einer frostklaren Strandnacht.

Dieser kurze Moment beeindruckend geballter Wutkraft in allen körperteilen, heute nacht im Park, die sich übermächtig selbst behindert gezielt zu reagieren, dringt ihm wiederum in‘s Bewusstsein wie eine deutliche Kindheitserinnerung. Der blau-kalte Mondschein flimmer hatte die Konturen von Weiden- ästen auf die rissige Haut des andern gemalt.

Just in dem Augenblick, da er plötzlich vor ihm aufgetaucht war, durchströmte zu gleicher Zeit unglaubliche Hitze und atemge frierende Kälte seine Nackenhaut. Nie zuvor hatte er jemals das Gefühl gehabt, sogleich etwas tun zu müssen, was er mit nichts in seinem Innersten vereinbaren konnte.

An der vergilbten Zimmerdecke spielen überhastige Fernsehlichtschatten Verstecken mit den um die lieblos an krüpplige Kabel geknotete Glühbirne kreisenden Eintagsfliegen. Seit Monaten vertrocknete Zimmerpflanzen recken ihre toten Stielhälse nach den Zigaretten qualmschwaden, die in Brusthöhe einen schwebenden Teppich bilden, als würden sie dort zusammenwachsen wollen.

Arm stützend sitzt er auf der Bettkante, betrachtet teilnahmslos seine Fussnägel und wirft die Kippe auf den Asche haufen im Spaghettiteller. Wie erstarrte Regenwürmer rekeln sich die vertrockneten Teigwaren in poröser Ketchup-Lache. Friedlich stummbebi!dert endet der Kalendertag zwei Stunden überfällig vor dem Sendeschluss.

Kaum zu glauben, dass er noch vor Stunden um Haaresbreite einen wildfremden Menschen hätte erschlagen können... wollen? Ein letzter klarer Schluck aus der Bierflasche und ein Tastendruck auf die Fernbedienung beenden auch seinen Tag. In schlaftrunkener Wonne verdumpfen die Bilder des Abends, schlängeln sich in kaum spürbare Traumbilder.

Gegen 3 Uhr reisst ihn ein Geräusch aus den Kissen. Mit weit aufgerissen Augen sucht er die Dunkelheit im Zimmer ab, das Keuchen und Röcheln ist zurückgekehrt. Dazu das Bild dieses Grimassenschädels, den er nicht mehr von Angesicht zu Angesicht erwartet hatte, nachdem er weggerannt war, als er, aufgeschreckt durch diese todesängstlichen Schreie, diese brutale Vergewaltigung mit hatte ansehen müssen.

Ein zweites Mal war er geflüchtet, statt erbarmungslos zuzuschlagen oder zumindest zu helfen und er wird immer wieder davon laufen - jeden Abend zwischen Lottozahlen und Sendeschluss, mit 10 Flaschen Bier in den gelähmten Adern.